Anders Petersen – Café Lehmitz

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Vom Bier ist mir ein bisschen schlecht. Der Freitagabend ist fortgeschritten, mit ein paar Freunden bin ich in dieser Kneipe gelandet. Draußen auf der Straße herrscht reges Treiben, touristische Gruppen ziehen vorbei, Jugendliche schmettern Flaschen auf den Bürgersteig und machen sich lustig über einen jungen Mann, der zu viel getrunken hat und auf der Motorhaube eines geparkten Autos ausgestreckt liegt. Überall schlägt mir die unbedingte Bereitschaft zum Amüsement entgegen. Die Mühsal der Arbeitswoche scheint sich in viel Alkohol aufzulösen. Die Leute in der Kneipe hier kennen sich, oder ist es das Hochprozentige, das sie hemmungslos im Umgang miteinander macht? Schräg vor mir an der Theke sitzt ein Mann, der in der Zeit, in der ich ein Bier trinke, mehrere Schnäpse kippt und vor sich herstarrt. Zwei Freundinnen, gekleidet wie Zwillinge, bewegen sich schüchtern zu der Musik, die ein ernst dreinblickender DJ auflegt. Dieser dreht die Scheiben mit der immergleichen Bewegung zwischen seinen Handflächen, bevor sie auf dem Plattenteller landen. Neben dem Plattenpult steht ein junger Anzugträger, der einer stark geschminkten Blondine und ihrer Freundin Avancen macht. Ein Teil der Wand hinter der Theke ist mit mit lustigen Sinnsprüchen tapeziert. Mir fällt plötzlich die Kneipe unserer Kleinstadt ein, in die mein Vater mich einmal als Jungen mitnahm und dort gab es auch ein Schild: „Im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir es hier.“ Ich weiß nicht, ob ich’s lustig fand, wahrscheinlich verstand ich es gar nicht richtig, genauso wenig wie ich eine Kneipe damals verstand.
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Jan Töve – Faraway Nearby

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Man hört den Schnee unter den Schuhen knirschen. So könnte man meinen, wenn man Jan Töves Buch öffnet. Schwedische Holzhäuser verstrahlen ihr Rot in die Weite einsamer Schneelandschaften. An anderer Stelle dient eine Signalstange als Orientierung für den unter Schneemassen verschwindenden Straßenverlauf. Ein Holzschuppen im Winter, an dessen Seitenwand zwei Füchse kopfüber aufgehängt sind – schaurige Jagdtrophäen. Es gibt viele Einzelbilder, die sich, je weiter man blättert, in Bezug setzen lassen und einen Erzählbogen bilden. Will man zum Kern der Erzählung vordringen, könnte der sich hier befinden: Ein Haus mit grober Putzfassade, die Architektur ist von schlichter Funktionalität bestimmt. Die Fenster im Erdgeschoss mögen einst als stolze Auslagen gedient haben, jetzt sind sie mit Jalousien verrammelt. Unkraut wuchert auf den Stufen des Eingangs. Hier geht derzeit niemand ein noch aus. Über der Tür prangt eine Beschriftung, die eine kühne Behauptung darstellt. CENTRUM.

„Faraway Nearby“ heißt das Buch, für das Jan Töve diese und die zuvor beschriebenen Szenen ausgesucht hat. Jenes „Centrum“ befindet sich in der kleinen schwedischen Gemeinde Koppom, die laut Wikipedia 669 Einwohner hat. Als Betrachter fragt man sich unmittelbar, wann Nr. 670, Bewohner des „Centrums“, das Weite gesucht hat und was die Gründe dafür sein mögen.

Töve ist Fotograf und Publizist, der einst seine Passion in der Naturfotografie gefunden hat und diese zur wahrer Meisterschaft führte. So wurden seine Arbeiten in großen Magazinen abgedruckt, er hat zahlreiche Bücher herausgegeben und wichtige Preise in seinem Genre eingeheimst. Es hätte wohl ewig so weiter gehen können, bis der Schwede sich irgendwann in einer Sackgasse angelangt fühlte. Heute ist er angeödet von einer perfektionistischen Fotografie, die sich vollständig der Realität entzieht.
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Karoline Hjorth & Riita Ikonen. Mit großen Augen

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2011 sucht die finnische Künstlerin Riitta Ikonen für ein Projekt eine Mitstreiterin. Als sie die Kriterien Norwegen / Großmutter / Fotograf in die Suchmaschine eingibt, ploppt der Name Karoline Hjorth auf, die ein Buch über norwegische Großmütter publiziert hat. Nur wenig später treffen sich die beiden. Da sie sich sofort mögen, beschließen sie das gemeinsame Porträt-Projekt Eyes as Big as Plates, das die Beziehung von Mensch und Umwelt thematisiert. Mit viel Einfallsreichtum erstellt Riitta die skulpturalen Kostüme aus vorhandenen Elementen der Landschaft. Zusammen arbeiten sie dann an der Inszenierung, bevor Karoline das Porträt fotografisch umsetzt.

In prächtigen Gewändern und mit waghalsigen Kopfbedeckungen, die uns den Atem nehmen, präsentieren sich die märchenhaften Figuren in ebenso atemberaubenden Landschaften. Wir kommen aus dem Staunen kaum heraus über jene Wesen, die Umhänge aus Gräsern, Moos und Blattwerk tragen, hinter denen sie oft selbst verschwinden.

Eyes as Big as Plates ist inspiriert von einer nordischen Sagenwelt und tatsächlich bezieht sich der Titel auf ein Märchen, in dem ein Troll Augen so groß wie Teller hat. Darüber hinaus sind die großen Augen Sinnbild für einen wissbegierigen Blick auf die Welt. Der bezieht sich sowohl auf die Künstlerinnen als auch auf ihre Modelle, bei denen es sich ausschließlich um ältere Menschen handelt. Senioren, die eine tiefe Beziehung zu ihrer Umgebung haben und viele Geschichten erzählen können und die nach wie vor eine immense Neugierde für neue, ungewöhnliche Erfahrungen aufbringen. Ein kreativer Ausgangspunkt liegt in der gleichberechtigten Mitarbeit der Mitwirkenden, die eher als Mitschöpfer gelten. So beeinflussen etwa die Geschichten der ausgesuchten Akteure die Wahl der Orte.
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Claudia Eschborn – Kaisersaschern

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„Wir wandern durch die Welt, um von ihr zu erzählen. Und keineswegs, um sie zu erobern, zu verändern, zu erkennen und zu verstehen, sondern lediglich, um ihre Schönheit zu beschreiben. Eine Schönheit, die wir oft nicht begreifen können; doch wir spüren, dass sie in uns fährt mit der Kraft der ersten Liebe.“

Andrzej Stasiuk, Der Stich im Herzen

 

 

Kein Ort. Nirgends

I.

Kaisersaschern – sie ertappt sich für einen Moment dabei, wie sie den Namen in ihr GPS eingeben will und muss dann unweigerlich lächeln. Auf dem Rücksitz ihres Autos steht ihr Reisegepäck. Sie hat nicht viel dabei: außer ein paar Sachen ein dickes Buch, dessen Rücken schon ziemlich abgegriffen war, ein Notizbuch und natürlich ihre Kamera. Sie ist schon länger gefahren auf Straßen, die sich durch reizvolle Landschaften, vorbei an Weinbaugebieten, schlängeln. Burgen und Ruinen thronen über den Flusstälern, die sie passiert. Sie hat keinen Schimmer, wo sie sich gerade befindet. Doch der Gedanke an eine Irrfahrt kommt ihr romantisch vor. So lässt sie sich treiben, hält hier an und dort an, steigt aus, fährt irgendwann weiter. Sie hat sich vorgenommen, dem Zufall Vorrecht vor dem Plan zu geben. In einer Zeit, wo jeder Ort bis in den letzten Zipfel erfasst und vermessen ist und es immer Bilder gibt, die der eigenen Wahrnehmung vorausgehen und diese steuern, wird die Überwältigung durch das Fremde beinahe zur Unmöglichkeit. In ihrem Fall verhält es sich anders: sie weiß viel über ihr Ziel und eigentlich doch gar nichts. Doch jetzt spürt sie eine Unruhe in sich, je näher sie ihrem vermeintlichen Endpunkt kommt. Wie oft hat sie an diesen gedacht? Warum können einen manche Orte so magisch anziehen?
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