Axel Martens – Elefanten in der Manteltasche

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Der Wagen steht am Straßenrand. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schlendere ich daran vorbei. Das allerdings lässt sich das PS-starke Gefährt nicht so einfach gefallen. Ein lautes Hupen ertönt und erschrocken drehe ich mich um. Ich muss die Hand vor das Gesicht halten, weil mich die tief stehende Sonne blendet. Und so erkenne ich nicht, wer da am Steuer sitzt. Ein erneutes langes Hupen, das in den Ohren dröhnt. Dazu Aufblendlicht. Die Tür geht auf. Na warte – ob so viel Aufdringlichkeit trete ich ans Auto, um meinem Ärger Luft zu machen. Aber niemand sitzt darin. Als die Hupe ein drittes Mal ertönt, hört es sich wie eine Aufforderung an, mich endlich zu setzen. Ich zögere. Echt jetzt? Ach was soll’s – steig ich also ein, zünde den Motor und …

„Bild Bilder Bilderer“ heißt dieser Trip von Axel Martens, und noch etwas schüchtern drücke ich auf das Gaspedal. Der Wagen macht einen Satz nach vorn. Gleich mal bin ich geneigt, das Motto dieses Ausflugs abzuändern und alle B’s durch ein W zu ersetzen. Denn wild wird diese kleine visuelle Reise, das ist mir von Anfang an klar. Ich kenne nicht mein Ziel, aber tatsächlich mag ich es, mich einfach treiben zu lassen Mit Tempo rollt der Wagen die holperige Straße entlang, die Landschaft fliegt an mir vorbei, irgendwo leuchtet ein roter Käfer am Wegesrand.
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Jacopo Benassi – The Eyes Can See What The Mouth Can Not Say

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Bücher sind Weggefährten, die nicht ungefragt mit uns quatschen. Ihre Stimme erheben sie erst im Akt des Lesens. Wer liest, zieht sich aus dem kakophonischen Echo des Alltags heraus und folgt dem Monolog des Buches. Ein Buch redet, wenn wir es wollen und verstummt, wenn wir nicht bereit sind. Dann legen wir es einfach beiseite.

1952 tritt der Pianist David Tudor auf die Konzertbühne und erzeugt mit der Uraufführung von 4’33 einen Skandal. Es ist ein Stück des Avantgarde-Komponisten John Cage. Der Pianist öffnet den Klavierdeckel. Dann aber ertönt kein einziger Ton während des gesamten Stücks. Der Zuhörer ist dem Ereignis der Stille ausgesetzt, nur unterbrochen von zufälligen Nebengeräuschen. Damals ruft die Performance riesigen Ärger hervor. Das Stück spielt mit der Erwartungshaltung des Hörers und regt dazu an, die Leerstelle mit der eigenen imaginierten Musik zu füllen.

Was hat das jetzt mit diesem Buch zu tun? Auch dieses Buch ist stumm. Denkt man. Dann lassen wir uns die einzelnen Szenen vorführen und ehe wir uns versehen, füllen sich diese mit einer Musik auf, die immer lauter tönt. Während wir uns gerade noch fragen, woher die eigentlich kommt, wird klar: Allein aus unserem Kopf. Ein echter Cage-Moment.

Das Buch liest sich also in etwa so: Man geht die Stufen eines Clubs hinunter, durch dessen Wände ein Bass nach außen wummert. Dann öffnet man das Buch und öffnet damit die Tür zum Club und sofort empfängt den Ankömmling ein ihn verschlingender Krach. Die, die schon da sind, scheinen bereits tief in der Darbietung des Künstlers verfangen. Während wir sie betrachten, merken wir, dass sich aus dem Krach von der Bühne eine Melodie herausschält, ein Rhythmus, den wir erst mit Fußwippen begleiten, dann aber gerät unser Körper immer mehr in Bewegung. Bevor wir uns versehen, trägt uns die Musik hinfort an einen Ort des Rauschs. Willkommen im Btomic!
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Genuss braucht Zeit

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In Den Haag feiert die Ausstellung „Slow Food“ genussvolle und detailreiche Darstellungen von gedeckten Tischen in der Malerei – bildgewaltige Einladungen zum Essen.

Wie viele Likes hätte Clara Peeters für die Präsentation ihres ausgeklügelten Essensarrangements bei Facebook, Instagram und Co. wohl bekommen? Auf einer Platte sind Käsestücke zu einem kunstvollen Stapel angeordnet. Obenauf balanciert ein Teller mit Butterflocken. Der Wein glitzert im Glas. Datteln und Nüsse liegen auf feinem Porzellan, die Brezeln daneben auf dem Tisch. Jedes Loch im Käse, jeder Brotkrümel und Mandelkern ist so deutlich zu sehen, dass einem bei längerer Betrachtung das Wasser im Mund zusammenläuft. Doch die beschriebene Essenszene ist kein hochgeladenes Handyfoto und Peeters kein „Foodie“, der um Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken buhlt: Das Bild ist ein bereits 1615 gemaltes Stillleben der Malerin aus Antwerpen, einer Meisterin ihres Faches. Ihre naturalistische Abbildung eines reich gedeckten Tischs zieht den Betrachter mit Tiefe und Präzision in ihren Bann.

Das Gemälde „Stillleben mit Käsen, Mandeln und Brezeln“ ist ein Neuerwerb der Galerie Mauritshuis in Den Haag und das Herzstück der aktuellen Ausstellung „Slow Food“. Neben sechs Bildern von Peeters sind Arbeiten hochkarätiger flämischer und niederländischer Maler wie Floris van Dijck, Nicolaes Gillis oder Pieter Claesz zu sehen. Sie alle malten Stillleben, in denen feine Delikatessen wie Fische, Austern, Oliven sowie vergoldete Pokale, Keramikkannen oder kostbares Porzellan zu sehen sind. So schmeckte das 17. Jahrhundert – zumindest für diejenigen, die dem wohlhabenden Bürgertum angehörten.
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Oliver Mark – Natura Morta

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Den Anblick will man nicht so leicht vergessen. Die Haltung des Körpers ist schlaff. Der Blick gesenkt. Das Maul leicht geöffnet. Und plötzlich wird klar – dieser Wolf wird nie mehr heulen. Es ist nur ein abgezogenes Fell, an dem ein Kopf nach unten hängt. Ob des hier vermittelten Elends wollen wir am liebsten selbst den Kopf hängen lassen. Einst hat der römische Dichter Plautus formuliert: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Das mag stimmen, aber noch viel mehr ist der Mensch dem Wolf ein Mensch. Bei dem Fell handelt es sich um ein geschmackloses Souvenir, das aus dem Koffer eines Urlaubers gezogen worden ist. Dass dieses Mitbringsel aber in einem mit opulenten Schnitzereien ausgestatteten Ovalrahmen präsentiert wird, steigert die Gedrücktheit umso mehr.

Oliver Mark hat ein Studiozelt aus schwarzen Stoffbahnen errichtet. Es ist zwei Meter mal zwei Meter klein. Auf der einen Seite lässt er durch einen kleinen Spalt Licht einfallen. Der Fotograf will einen beengten Raum simulieren – ein stilles Kämmerlein für stille Porträts. Ziel ist es, seine Fotos mit der Ästhetik altmeisterlicher Malerei auszustatten. Und so inszeniert er seine Gegenstände sorgsam, rückt sie ins rechte Licht, wechselt die farbigen Hintergründe. Wenn alles perfekt sitzt, drückt er den Auslöser.

 

 

Seine Meriten hat sich Oliver Mark vor allem mit seiner exzellenten Porträtfotografie erworben. Aber daneben gibt es von ihm immer wieder freie, überraschende Projekte. Für die neue Serie „Natura Morta“ hat er die Asservatenkammer des Bundesamtes für Naturschutz durchforstet. Dort hat er Dinge fotografiert, die als Souvenirs für Zuhause gedacht waren, bevor sie vom Zoll beschlagnahmt wurden. Sie alle fallen unter die Bestimmungen des Artenschutzes.
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