Synokrym 38: Damon Jah. Serie 23

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Das Ganze beginnt mit einem Akt des Hinauszögerns, bevor die Zerstörung einsetzt. Soll ich oder soll ich nicht? Eine rätselhafte Wundertüte mit Inhalt liegt federleicht in meiner Hand. Die Verpackung ist zugenäht, die Enden der Fäden kitzeln in der Innenfläche. Die Hülle ist bedruckt mit einer leuchtend roten Fläche,  die die Anmutung eines japanischen Holzschnitts hat. In die Leerstellen sind eine Vielzahl von Informationen gestempelt, vor allem japanische Zeichen, zwischen denen der Name des Künstlers „Damon Jah“  und die Bezeichnung „Artist“ auftaucht. Alles scheint mit großem Bedacht gemacht und sieht sehr kunstvoll aus, so dass ich die Hülle überhaupt nicht öffnen möchte. Aber was ist darin? Und worum geht es hier genau? Irgendwo findet man auch die Telefonnummer des Künstlers. Und einen Augenblick überlege ich, ob ich nicht mal eben anrufen und fragen sollte: Entschuldigen Sie, Herr Jah, können Sie mir verraten, worum es genau geht – irgendwie verstehe ich gerade nur japanisch.

Tatsächlich müsste man wohl eine andere Nummer wählen. Nämlich die des Herausgebers. Synokrym ist eine Reihe, die es schon seit einigen Jahren gibt und von Kai Cassuben in bester DIY-Tradition erstellt und herausgegeben wird. Synokryme sind Publikationen, oder reden wir lieber von Objekten, zumeist aus Papier, in denen Kai Cassuben all die Seltsamkeiten des Seins, die sich ihm ins Bewusstsein drängen, seine Alltagsbeobachtungen und ästhetischen Erfahrungen zusammenfasst. Immer wieder nimmt er sich aber auch die Freiheit wie in dieser Ausgabe, anderen künstlerischen Positionen einen Ort zu bieten.
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Johannes Frandsen – Touch Me

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Touch me – Als Aufforderung eindeutig. Aber wir kennen uns doch gar nicht? Am Ende obsiegt die Neugierde. Man folgt der mit Nachdruck vorgetragenen Bitte und hilft dem stummen Gegenüber, sich zu entkleiden. So fühlt es sich jedenfalls an, während ich das Buch aus seinem Schuber drücke. Als würde das Gegenüber den Mantel einfach auf den Boden fallen lassen.

Das aber führt zu einem unerwarteten, intimen Moment, der mich auf dem falschen Fuß erwischt. Auf dem Cover steht etwas abseits ein Pärchen. Einsam ist der Ort, ich mag nicht hier sein, vor allem mag ich nicht der Beobachter der Szene sein. Dem Paar wird egal sein, ob jemand schaut, denn es ist sich selbst genug. Dass seine engen Umarmungen wie Umklammerungen wirken, irritiert mich.

Ich selbst löse mich aus der Umklammerung der Szene und öffne das Buch, dessen Fotos sofort einen ganz eigenen Sound mit sich führen. Ab den 70er Jahren entstanden Bands, die durch Schweden zogen und zum Tanz aufspielten. Dansband-Musik heißt das Genre, eine Fusion verschiedenster Stile von Schlager bis Rock. Bis heute füllen Dansbands am Wochenende die Säle der Stadthotels oder Vergnügungsparks mit Jung und Alt. Jeder Schwede kennt diese Veranstaltungen. Auch Johannes Frandsen, der sich in das Getümmel dieser Events wirft. Dankbares Thema denkt man und stellt sich Musiker in Glitzeranzügen vor, die vor aufgekratztem Publikum spielen. Lustig-ironische Momente, an denen wir uns delektieren. Das Narrativ von Frandsen ist ein anderes. Nie sieht man eine Band, die Musik darbietet, und der Sound, der aus dem Hintergrund tönt, ist längst nicht so ausgelassen, wie man vermutet.
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Paul Kranzler & Andrew Phelps – The Drake Equation

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Ein riesiges Leuchtmonster erhebt sich aus dem Dunkel der Nacht. Das ist das Entree zu einem Ort, an dem–je tiefer wir ins Buch „The Drake Equation“ rutschen- komische Dinge passieren. Für einen Moment wähnt man sich im Setting einer Mystery-Serie à la „Stranger Things“. Merkwürdige Personen begegnen uns, die mit ebenso merkwürdigen technischen Apparaturen hantieren. Andere, die als einsame Jäger durch den Busch streifen. Kleine Häuser liegen abgelegen im Wald. Fenster sind mit Plastik abgeklebt. Was bedeutet jener Eingang, der zu einem Faradayschen Käfig umgestaltet ist? Welche Katastrophe wird hier erwartet? Einmal hält jemand eine weiße Tüte in der Hand. Darin sind die Umrisse eines Kopfes mit Geweih zu erkennen. Die, denen wir begegnen, blicken starr und weichen unserem Blick aus. Sie wirken entrückt, als seien sie mit anderen Dingen beschäftigt, oder es ist nur das Misstrauen gegenüber einem Fremden. Eine seltsame Stille entströmt den einzelnen Szenen. Nebel liegt über der Wiese. Immer verwirrter blättert man durchs Buch. Um den Nebel der Unwissenheit aufzulösen, hilft nur das Lesen des beigefügten Textes.

Tatsächlich handelt es sich hier um einen der stillsten Flecke Amerikas. Green Bank ist ein 200-Seelen-Ort in den Bergen von West Virginia. Dort ist das Zentrum der in den fünfziger Jahren eingerichteten National Radio Quiet Zone. Es gibt, kein Radio, kein Bluetooth, keine WLAN-Signale, keinen Handyempfang. Wie bitte – kein Handyempfang? Das ist allerdings eine kaum vorstellbare Katastrophe.
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Dotan Saguy – Venice Beach

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Das ist das Paradies. Der Himmel funkelt und Palmenblätter wiegen sich in der Brise, die vom Ozean herweht. „Hello Sunshine“ heißt es auf der Bikinihose einer jungen Frau, die am Strand steht. Und normal würde man die Frau als Vorübergehender oder – wie in unserem Fall- Betrachter des Buches sofort wieder vergessen ob der vielen Eindrücke, die uns an jeder Ecke der Strandpromenade von Venice Beach erwarten. Aber da ist etwas. Sie blickt starr auf eines der überall herumstehenden Turngeräte. Plötzlich durchfährt einen ein Schreck und man weiß, wie sich ihr Blick beschreiben lässt: wie der des Kaninchen, das vor der Schlange steht. Im wortwörtlichen Sinn. Um die Stangen windet sich eine riesige Boa constrictor. Schlägt man das neue Buch von Dotan Saguy auf, dessen Cover diese Szene ziert, wird nichts besser. Ein kleiner Junge liegt im Sand und beobachtet dieselbe Schlange, während ein weiteres Exemplar bedenklich nah neben ihm kriecht.

Dotan Saguy ist in Israel geboren, in Paris aufgewachsen und lebt seit 2003 in Los Angeles. Seine Karriere als Unternehmer im High-Tech-Sektor opfert er 2015 seiner fotografischen Leidenschaft. Sein Buch ist ein reinster „(Board-)Walk on the Wild Side“. Doch Venice Beach ist keine Schlangengrube, kein bedrohlicher Ort, sondern einer, den der Fotograf wegen seiner Überdrehtheit liebt und an den es ihn magisch zieht. Und natürlich hat die Schlangenszene eine harmlose Erklärung. Ein Straßenkünstler hat die Frau gebeten, für einen Moment seine Boas zu beaufsichtigen.
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