Anne Morgenstern – Reinheit

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Nachtschwarzer Buchdeckel. Der Buchblock ebenfalls tiefschwarz gefärbt. Dagegen strahlen die Versalien des Covers so weiß, als hätten sie gerade einen Intensiv-Waschgang erlebt. REINHEIT. Wäscht nicht nur sauber, sondern rein, schießt mir ein uralter Claim durch den Kopf. Aber hier geht es nicht um Werbebotschaften für saubere Wäsche. Reinheit soll das sinnstiftende Moment in dem neuen Buch von Anne Morgenstern darstellen. Im textlichen Auftakt heißt es: „Sie spürt die fragilen Momente auf, in denen die Sehnsucht nach Authentizität und Reinheit durchkreuzt wird von der Gewöhnlichkeit des Alltags.“

Ach, das Gewöhnliche macht alle Reinheit zunichte. Manch einer verzweifelt im Streben danach. Reinheit beschreibt nicht nur die Abwesenheit von Schmutz, sondern auch das Ideal eines moralischen Handelns. Oder umgekehrt: Sittliches Fehlverhalten zieht oft fest geschriebene Rituale nach sich, verlangt Opfer, Buße oder Beichte, um Reinheit zurückzuerlangen. Dass es in diesem Buch auch um Katholizismus und dessen Einfluss im Alltag geht, ist offensichtlich. Einmal sieht man ein riesiges Holzkreuz, das zur Seite gekippt in einem Flur abgestellt ist. An anderer Stelle vermutet man ein Altarkreuz unter einem Tuch. Die verrätselte Szene beschreibt einen Brauch der Verhüllung, der vor Ostern stattfindet. Das Katholische kommt nicht zuletzt in der so schönen wie verstörenden Erzählung von Jonas Lüscher vor, die exakt jenen Ton anschlägt, der auch aus den Fotos hallt.
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Sanne de Wilde – The Island of the Colorblind

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Mit Daumen und Zeigefinger hält der Junge eine Kugel dicht vors Gesicht. Ein Glasauge, das er seiner Augenhöhle entnommen hat. Der Schock weicht der Erleichterung – das Auge entpuppt sich als Glasmurmel, durch die hindurch er das Geschehen um sich herum betrachtet.

Die Szene eröffnet das fulminante Fotobuch der Belgierin Sanne De Wilde, das selbst wie der Blick durch eine Glasmurmel hindurch funktioniert. Was sich dahinter abspielt, ist rätselhaft und faszinierend zugleich. Alle Sehgewohnheiten werden ausgehebelt, die Wahrnehmung spielt verrückt und Farben scheinen völlig verrutscht. So ist der Himmel rot, das Blattwerk rosa und das Wasser leuchtet in halluzinativem Grün. Aus der Tiefe von Schwarzweißszenen ploppen farbige Dinge auf. Texte, die die Bildstrecken begleiten, flirren mit ihrer bunten Typo vor den Augen. Porträtierte Personen verbergen ihr Antlitz hinter Gegenständen. An anderer Stelle blicken uns die Fotografierten unvermittelt an und man vermag nicht zu sagen, ob die Augen offen oder geschlossen sind. Als ein Sonnenstrahl übers Buch huscht, verändert sich plötzlich die Farbe des Covers. Was eigentlich geht hier gerade vor sich?

Pingelap heißt die geheimnisvolle Welt, die im Buch präsentiert wird. Ein Inselatoll im Pazifischen Ozean, das eine Fläche von knapp zwei Quadratkilometern umfasst. 1775 suchte ein Taifun das Eiland heim, bei dem von 1000 Bewohnern nur 20 Menschen überlebten. Ausgerechnet der gerettete König soll Träger des Achromatopsie-Gens gewesen sein, das Farbblindheit verursacht. So beschreibt es der Neurologe Oliver Sacks im Buch „Die Insel der Farbblinden“. 1994 reiste er nach Pingelap und studierte, inwieweit jene neurologische Anomalie Wahrnehmung, Bewusstsein und Weltsicht der Menschen bestimmt. Mit den Generationen verbreitete sich die Erbkrankheit. Heute nimmt ein Drittel der Bewohner das Geschehen um sich herum nur schwarzweiß wahr. Hinzu kommt eine starke Sehschwäche, Augenzittern und Lichtempfindlichkeit. Sacks schildert die Begegnung mit den Farbenblinden, deren Wahrnehmung nicht durch Farbe, so durch andere optische Anhaltspunkte wie Struktur, Umrisse, Oberfläche und Begrenzung geleitet ist.
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Stefan Bladh – Hidden Kingdom

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Wir können den Blick von Menschen und Dingen nicht wenden und werden in die Tiefe dieses Buchs gezogen. Wir lassen uns zugleich faszinieren und beunruhigen von einer düsteren Rätselhaftigkeit, die sich in jeder neuen Einstellung fortsetzt. Stille umhüllt uns beim Betrachten. So sind wir zurückgeworfen auf uns, und aus Ahnungen werden Gewissheiten, dass sich weit mehr hinter dem Vorgefundenem verbergen muss.

Es beginnt schon beim Titelbild: eine düstere Waldlichtung ist zu sehen, durch die sich ein Netz spannt und die Welt in zwei Teile trennt. Wir, die wir auf der einen Seite stehen, sind getrieben von der Frage, was sich jenseits des Netzes befinden möge. Das Unerreichbare löst Sehnsüchte aus und wir stellen uns eine Gegenwelt vor, einen Ort der Erkenntnis oder der Erlösung. Fieberhaft suchen wir den Eingang durch dieses Netz, und sind uns der Vergeblichkeit dieser Bemühung bewusst. Das nährt nur umso mehr das Begehren, auf die andere Seite zu gelangen, dorthin, wo sich ein verborgenes Königreich befindet.

„Hidden Kingdom“ heißt das Buch des Schweden Stefan Bladh und umfasst Bilder von Reisen nach Moldavien, Albanien, Serbien und anderen Ländern über einem Zeitraum von zehn Jahren. 2006 lebt Bladh in Istanbul, als er sich zu einem Trip nach Odessa entschließt. Neuland im doppelten Sinn, denn in der unbekannten Fremde will er fotografisch Neues ausprobieren. Erstmals arbeitet er in Farbe und vermeidet, sich in seinem fotografischen Tun zu sehr von inhaltlichen Fragestellungen leiten zu lassen. Er will den Blick schweifen lassen, dem Übersehbaren nachspüren, das Geheimnisvolle aufzeigen, eine Atmosphäre schaffen und Gemütszustände simulieren. Die Szenen, die er für dieses Buch wählt, folgen konsequent jenen Vorgaben und sind von großer ästhetischer Ausdruckskraft bestimmt. Jedes Bild steht solitär und lässt sich doch in eine größere Erzählung einfügen. Nie gibt es Hinweise, wo sich die Dinge abspielen, wer abgebildet ist und was die eigentliche Situation ist. Aber genau das fordert den Betrachter heraus und hält ihn bei der Stange.
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Anders Petersen – Café Lehmitz

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Vom Bier ist mir ein bisschen schlecht. Der Freitagabend ist fortgeschritten, mit ein paar Freunden bin ich in dieser Kneipe gelandet. Draußen auf der Straße herrscht reges Treiben, touristische Gruppen ziehen vorbei, Jugendliche schmettern Flaschen auf den Bürgersteig und machen sich lustig über einen jungen Mann, der zu viel getrunken hat und auf der Motorhaube eines geparkten Autos ausgestreckt liegt. Überall schlägt mir die unbedingte Bereitschaft zum Amüsement entgegen. Die Mühsal der Arbeitswoche scheint sich in viel Alkohol aufzulösen. Die Leute in der Kneipe hier kennen sich, oder ist es das Hochprozentige, das sie hemmungslos im Umgang miteinander macht? Schräg vor mir an der Theke sitzt ein Mann, der in der Zeit, in der ich ein Bier trinke, mehrere Schnäpse kippt und vor sich herstarrt. Zwei Freundinnen, gekleidet wie Zwillinge, bewegen sich schüchtern zu der Musik, die ein ernst dreinblickender DJ auflegt. Dieser dreht die Scheiben mit der immergleichen Bewegung zwischen seinen Handflächen, bevor sie auf dem Plattenteller landen. Neben dem Plattenpult steht ein junger Anzugträger, der einer stark geschminkten Blondine und ihrer Freundin Avancen macht. Ein Teil der Wand hinter der Theke ist mit mit lustigen Sinnsprüchen tapeziert. Mir fällt plötzlich die Kneipe unserer Kleinstadt ein, in die mein Vater mich einmal als Jungen mitnahm und dort gab es auch ein Schild: „Im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir es hier.“ Ich weiß nicht, ob ich’s lustig fand, wahrscheinlich verstand ich es gar nicht richtig, genauso wenig wie ich eine Kneipe damals verstand.
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