Noga Shtainer – Homesick

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Als das Kind Kind war,

ging es mit hängenden Armen,

wollte der Bach sei ein Fluss,

der Fluss ein Strom,

und diese Pfütze das Meer.

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)

 

Noga Shtainers neue Fotoserie zeugt von einem Eigensinn. Die beunruhigende Fremdartigkeit der Orte, die Unerklärbarkeit des Geschehens – mit jedem Betrachten entzieht sich das, was uns die Bildwelt der Fotografin vorführt, mehr der Eindeutigkeit. Zugleich weisen die Arbeiten eine exzentrische Phantasie und Weltdeutung aus. Sie führen uns immer wieder auf Irrwege und das ist Absicht: Denn wo alles verständlich ist, verabschieden sich die Möglichkeiten der Überraschung und des Erstaunens. Das aber wäre aber gegen alle Absicht der Künstlerin. Die düstere Schönheit der enigmatischen Bilder ist so wirkungsstark, dass man sie schließlich kaum mehr aus dem Kopf bekommt.

 

 

Homesick heißt die Serie und besteht aus bisher 18, sich gegenseitig anziehenden Arbeiten. Kunst und Leben sind für die Künstlerin nach eigenem Bekunden nur schwer trennbar. So betrachtet sie den Prozess des Fotografierens immer auch als Form der Selbsterkundung. Als sie 2010 aus Tel Aviv in Berlin eintrifft, überwiegt ein Gefühl der Ambivalenz gegenüber der Euphorie des Neuanfangs. Die Versprechungen des Unbekannten sind groß, gleichzeitig existieren die damit verbundenen Unsicherheiten des Ortsfremden. Auf einem ihrer Entdeckungs-Ausflüge durch die neue Stadt bemerkt sie Leute, die abgeschottet in ihren Bauwagen wohnen. Als Neuankömmling und jemand, der selbst in einer genossenschaftlichen Siedlung gelebt hat, elektrisiert sie das Konzept dieser solidarischen Gemeinschaft, die sich gegen jedwedes bürgerlich-konventionelle Dasein verwahrt. Schließlich entsteht die eindrucksvolle Arbeit Wagenburg, bei der sich in den sorgfältig ausgearbeiteten Porträts immer auch ein Stück der Künstlerin selbst zu spiegeln scheint.
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PPS-Buchhandlung Revisited

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Es ist das Jahr 1998. Gemeinsam mit Michael Klein und anderen Kollegen arbeite ich in der PPS Buchhandlung für Photographie. Über die Jahre hat sich die Buchhandlung im Bunker an der Feldstrasse in Hamburg zu einem relevanten Ort des Austausches über Fotografie und Bücher etabliert.

Eher zufällig fällt irgendjemand von uns eine Polaroidkamera in die Hände. Anfangs machen wir ein paar Bilder von uns gegenseitig. Nach und nach wird die Kamera aber immer mehr zu einem Instrument der Interaktion. So kann es einem Besucher der Buchhandlung ganz am Ende seines Einkaufs passieren, dass er von Michael Klein über den Tresen hinweg nach einem Foto gefragt wird. Und ohne die Antwort abzuwarten, ertönt im nächsten Moment schon dann das Sirren der Kamera. Erst sind es nur wenige Bilder, die absichtslos an die kahle Wand des Bunkerinnenraums geklebt werden. Keiner ahnt, dass daraus über die Jahre eine fulminante Wandgalerie mit zahlreichen Porträts von Fotobuchbegeisterten entstehen wird. Mit wachsender Zahl dieser Polaroids erhält die Buchhandlung ein zusätzliches Attraktionspotential. Es soll Leute geben, deren erster Weg schnurstracks zur umfangreichen Ausstellung an der Wand führt, bevor sie überhaupt Buchangebot und Buchhändler eines Blickes würdigen.

Zwei Dekaden später – PPS-Buchhandlung und Polaroid sind lange Geschichte- entdeckt Michael Klein die vergessenen Bilder bei sich zuhause wieder. Es entsteht eine kühne Idee. Was, wenn man die Bildergalerie aus dem Bunker noch einmal wiederbelebt? So werden die Bilder aus dem Dunkel der Schublade befreit, um daraus eine Ausstellung und ein Buch entstehen zu lassen. PPS Buchhandlung Revisited.
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Arno Schidlowski – Aller Tage Abend

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Lost in Paradise. „Aller Tage Abend“ ist der Titel einer Ausstellung, die neue fotografische Arbeiten von Arno Schidlowski präsentiert. Mal hat der Fotograf dazu seinen Blick kopfüber gerichtet, ein anderes Mal lässt er ihn in die Ferne schweifen. Als Ergebnis führt er uns drei Motivbögen vor, die es in sich haben: Riesige tanzende Schwärme von Eintagsfliegen; das florale Gewebe sich vor den Himmel schiebender Baumkronen; schließlich eine Serie opaker Wasseroberflächen, abgewechselt mit ebenso undurchdringbaren Ansichten des Waldes. Allen ist eines gemeinsam – sie verweisen auf ein Paradies, das sich scheinbar jedem verwertenden Zugriff der Zivilisation entzieht. Den Ansichten entströmt eine transzendentale Ruhe, die uns in den Bann zieht.

Schidlowski sensibilisiert unseren Blick für das Eindrucksgebietende der Natur, an dem wir sonst mit einer Achtlosigkeit vorbeiziehen würden. Gleichzeitig ist er jemand, der sehr bewusst den Einsatz seiner Mittel plant und nie versäumt, die der Fotografie innewohnenden Möglichkeiten auszuloten. Immer wieder wandelt er dazu sein Motiv unmerklich ab. Durch die so aneinander gereihten Beobachtungen lässt er eine poetische Dichte entstehen, die rasch von der Analyse und dem Vergleich des Vorgefundenen wegführt und den Betrachter stattdessen in eine meditative Schwebe versetzt. Das Schauen wird zum Einswerden mit der unermesslichen Natur. Schidlowskis Fotografie eröffnet immer neue Räume zu Kontemplation und Reflexion. Wer will, vermag in den Bildern aber auch erkenntnisphilosophische Aspekte zu Unberührtheit und Zugriff, Illusion und Wirklichkeit, Einmaligkeit und Wiederkehr, Leben und Vergänglichkeit zu erkennen.
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Henrik Spohler – Das Leben als langer, ruhiger Warenfluss

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Der Fotograf Henrik Spohler hat den Welthandel in bestechende Bilder gebannt, die große Zusammenhänge erzählen und Fragen hinterlassen.Die Ouvertüre des Bildbandes „In Between“ des Hamburger Fotografen Henrik Spohler hält einen Blick aufs Meer bereit. Auf dem Horizont balancieren Frachtschiffe. Danach eine Straße, die wie Auslegeware in einer dürren Landschaft ausgerollt ist. Tunnelröhren durchbohren ein Gebirge. Diese und andere Szenerien fügen sich in dem sorgfältig gemachten Buch evident zusammen: Rangierbahnhöfe, Containerbrücken, Frachtflughäfen, Hochregallager.

Die Dramaturgie von Spohlers neuem Buch besteht aus Zooms, die Schnittstellen der Logistik und Charakteristika der Transportwege ausleuchten: Hafenareale, Drehkreuze, Umschlagsplätze, vollautomatisierte Distributionssysteme. Die Erfassung des Weltwarenstroms – ein bodenloses Thema, an dem man fotografisch nur scheitern kann. Und wenn wir ehrlich sind, interessiert uns das Sujet erst einmal genauso wenig wie die Tatsache, dass ein T-Shirt auf seinem Weg von der Baumwollpflanze bis zum fertig angebotenen Kleidungsstück oft zehntausende Kilometer zurückgelegt hat.

Containerterminal, Yangshan Tiefwasserhafen, China

Aber Spohlers Serie ist absolut an- und aufregend. Seine Schauplätze befinden sich in Shanghai, Bilbao, Antwerpen oder Hamburg. Allesamt wichtige Orte der Logistik, die er sorgfältig recherchiert hat und für die er, einmal dort angekommen, staunenswerte Perspektiven auslotet. Die schüchterne Farbigkeit, der Wille zur Ordnung, die All-Übersicht, die das Geschehen als eines zeigt, das sich überanstrengt hat und nun kurz mal innehalten muss. Spohler lässt den Warenstrom in seinen Fotos gerinnen und schafft eine kohärente Serie, in der die Darstellung merkantiler Netze nicht kleinteilig wirkt, sondern weltumspannend.
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