Arno Schidlowski – Aller Tage Abend

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Lost in Paradise. „Aller Tage Abend“ ist der Titel einer Ausstellung, die neue fotografische Arbeiten von Arno Schidlowski präsentiert. Mal hat der Fotograf dazu seinen Blick kopfüber gerichtet, ein anderes Mal lässt er ihn in die Ferne schweifen. Als Ergebnis führt er uns drei Motivbögen vor, die es in sich haben: Riesige tanzende Schwärme von Eintagsfliegen; das florale Gewebe sich vor den Himmel schiebender Baumkronen; schließlich eine Serie opaker Wasseroberflächen, abgewechselt mit ebenso undurchdringbaren Ansichten des Waldes. Allen ist eines gemeinsam – sie verweisen auf ein Paradies, das sich scheinbar jedem verwertenden Zugriff der Zivilisation entzieht. Den Ansichten entströmt eine transzendentale Ruhe, die uns in den Bann zieht.

Schidlowski sensibilisiert unseren Blick für das Eindrucksgebietende der Natur, an dem wir sonst mit einer Achtlosigkeit vorbeiziehen würden. Gleichzeitig ist er jemand, der sehr bewusst den Einsatz seiner Mittel plant und nie versäumt, die der Fotografie innewohnenden Möglichkeiten auszuloten. Immer wieder wandelt er dazu sein Motiv unmerklich ab. Durch die so aneinander gereihten Beobachtungen lässt er eine poetische Dichte entstehen, die rasch von der Analyse und dem Vergleich des Vorgefundenen wegführt und den Betrachter stattdessen in eine meditative Schwebe versetzt. Das Schauen wird zum Einswerden mit der unermesslichen Natur. Schidlowskis Fotografie eröffnet immer neue Räume zu Kontemplation und Reflexion. Wer will, vermag in den Bildern aber auch erkenntnisphilosophische Aspekte zu Unberührtheit und Zugriff, Illusion und Wirklichkeit, Einmaligkeit und Wiederkehr, Leben und Vergänglichkeit zu erkennen.
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Henrik Spohler – Das Leben als langer, ruhiger Warenfluss

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Der Fotograf Henrik Spohler hat den Welthandel in bestechende Bilder gebannt, die große Zusammenhänge erzählen und Fragen hinterlassen.Die Ouvertüre des Bildbandes „In Between“ des Hamburger Fotografen Henrik Spohler hält einen Blick aufs Meer bereit. Auf dem Horizont balancieren Frachtschiffe. Danach eine Straße, die wie Auslegeware in einer dürren Landschaft ausgerollt ist. Tunnelröhren durchbohren ein Gebirge. Diese und andere Szenerien fügen sich in dem sorgfältig gemachten Buch evident zusammen: Rangierbahnhöfe, Containerbrücken, Frachtflughäfen, Hochregallager.

Die Dramaturgie von Spohlers neuem Buch besteht aus Zooms, die Schnittstellen der Logistik und Charakteristika der Transportwege ausleuchten: Hafenareale, Drehkreuze, Umschlagsplätze, vollautomatisierte Distributionssysteme. Die Erfassung des Weltwarenstroms – ein bodenloses Thema, an dem man fotografisch nur scheitern kann. Und wenn wir ehrlich sind, interessiert uns das Sujet erst einmal genauso wenig wie die Tatsache, dass ein T-Shirt auf seinem Weg von der Baumwollpflanze bis zum fertig angebotenen Kleidungsstück oft zehntausende Kilometer zurückgelegt hat.

Containerterminal, Yangshan Tiefwasserhafen, China

Aber Spohlers Serie ist absolut an- und aufregend. Seine Schauplätze befinden sich in Shanghai, Bilbao, Antwerpen oder Hamburg. Allesamt wichtige Orte der Logistik, die er sorgfältig recherchiert hat und für die er, einmal dort angekommen, staunenswerte Perspektiven auslotet. Die schüchterne Farbigkeit, der Wille zur Ordnung, die All-Übersicht, die das Geschehen als eines zeigt, das sich überanstrengt hat und nun kurz mal innehalten muss. Spohler lässt den Warenstrom in seinen Fotos gerinnen und schafft eine kohärente Serie, in der die Darstellung merkantiler Netze nicht kleinteilig wirkt, sondern weltumspannend.
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Andreas Herzau – Helvetica

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Dunkle Schattengestalten setzen sich vom strahlenden Blau des Himmels ab. Über den Wolken muss die fotografische Freiheit wohl grenzenlos sein. Auch eine trennende Glasscheibe kann einen als originär empfundenen Erhabenheitsmoment nicht schmälern. Also werden Smartphones und Kameras gezückt, um die majestätische Sicht festzuhalten. Ach, wie schön ist doch die Schweiz! In den Speichern der Kameras werden sich am Ende der Reise viele weitere Bilder befinden, die alle touristische Erwartungen bestätigen: Glückliche Kühe, Alpenpanoramen, ein bisschen Schweizer Lebensart. Der, der etwas abseits der Touristengruppe steht, ist der deutsche Fotograf Andreas Herzau. In den letzten Jahren ist er immer wieder in das Nachbarland gefahren. Dort versucht er, eine Distanz zu schaffen: Nicht zu den Leuten, sondern zu den Stereotypen eines Landes, denen nur schwer zu entkommen ist. In einem klugen fotografischen Essay macht er sich suchenden Blicks auf, um  Stimmungen und Befindlichkeiten des Nachbarlands einzufangen und dabei seine eigene Rolle als Außenstehender zu reflektieren.

Warum ich diese Arbeit so schätze, habe ich in einem Text für die Photonews dargelegt. Aus der Wertschätzung hat sich ein weiterer Schritt ergeben. Im April 2017 habe ich die Ausstellung „Helvetica“ in der FREELENS Galerie kuratiert, die Herzaus Bilder aus der Serie mit Texten von Eugen  Gomringer kombiniert.  (Ausstellung vom 6. April bis 24.Mai 2017)

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Harry Gruyaert – It’s not about cars

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Als ich das schöne Büchlein mit Fotos von Harry Gruyaert auspacke und sein Cover länger betrachte, kommt mir kurz Rene Magrittes Bild in den Sinn, auf dem eine Pfeife abgebildet ist. Darunter die Behauptung: „Ceci n’est pas une pipe“. Ein Paradoxon, das den Betrachter zur Reflexion über den Unterschied eines Objekts und dessen Abbildung, mag sie auch noch so realistisch wirken, herausfordert. Auf dem vor mir liegendem Buch ist eine amerikanische Limousine zu sehen, halb verdeckt von Flieder- und Rosensträuchern. Dazu der Titel: It’s not about cars. Wie in dem Bild des belgischen Surrealisten gibt es ein Paradoxon zwischen Bild- und Titelaussage. In dem Buch sind ausschließlich Fotos, in denen Autos zu sehen sind, zentral im Bild oder als an den Rand gedrängte Elemente.  Mal den Bildinhalt bestimmend, mal als reines Beiwerk menschlicher Handlungen. Was auffällt: Eine faszinierende Gleichwertigkeit der Dinge und Menschen wird hier behauptet. Bestellt habe ich das Buch bei der Galerie Fifty One in Antwerpen, das diese zu ihrer gleichnamige Ausstellung herausgebracht hat.

Zu einem Zeitpunkt, als vielen die Farbfotografie noch als suspekt gilt und ihre Berechtigung nur im angewandten Bereich findet, hat Harry Gruyaert sich lange für diese entschieden. Meine erste Begegnung mit Arbeiten des Magnum-Fotografen geht auf ein Buch bei Schirmer/Mosel zurück, das seine Marokko-Bilder präsentierte. Erschienen war es Anfang der 90er Jahre  und machte eigentlich wenig Eindruck auf mich. Die Gleichgültigkeit gegenüber Gruyaert sollte sich schlagartig ändern, als ich seinen Farbfotos 2012 in einer großen Ausstellung in Brüssel wieder begegnete und völlig geplättet war. Nämlich von der Erkenntnis, wie klug hier jemand mit farblichen Elementen arbeitet, um Inhalte zu strukturieren und Intensität zu erzeugen. In der Ausstellung waren viele Szenen aus seinem Heimatland präsentiert.
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