Genuss braucht Zeit

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In Den Haag feiert die Ausstellung „Slow Food“ genussvolle und detailreiche Darstellungen von gedeckten Tischen in der Malerei – bildgewaltige Einladungen zum Essen.

Wie viele Likes hätte Clara Peeters für die Präsentation ihres ausgeklügelten Essensarrangements bei Facebook, Instagram und Co. wohl bekommen? Auf einer Platte sind Käsestücke zu einem kunstvollen Stapel angeordnet. Obenauf balanciert ein Teller mit Butterflocken. Der Wein glitzert im Glas. Datteln und Nüsse liegen auf feinem Porzellan, die Brezeln daneben auf dem Tisch. Jedes Loch im Käse, jeder Brotkrümel und Mandelkern ist so deutlich zu sehen, dass einem bei längerer Betrachtung das Wasser im Mund zusammenläuft. Doch die beschriebene Essenszene ist kein hochgeladenes Handyfoto und Peeters kein „Foodie“, der um Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken buhlt: Das Bild ist ein bereits 1615 gemaltes Stillleben der Malerin aus Antwerpen, einer Meisterin ihres Faches. Ihre naturalistische Abbildung eines reich gedeckten Tischs zieht den Betrachter mit Tiefe und Präzision in ihren Bann.

Das Gemälde „Stillleben mit Käsen, Mandeln und Brezeln“ ist ein Neuerwerb der Galerie Mauritshuis in Den Haag und das Herzstück der aktuellen Ausstellung „Slow Food“. Neben sechs Bildern von Peeters sind Arbeiten hochkarätiger flämischer und niederländischer Maler wie Floris van Dijck, Nicolaes Gillis oder Pieter Claesz zu sehen. Sie alle malten Stillleben, in denen feine Delikatessen wie Fische, Austern, Oliven sowie vergoldete Pokale, Keramikkannen oder kostbares Porzellan zu sehen sind. So schmeckte das 17. Jahrhundert – zumindest für diejenigen, die dem wohlhabenden Bürgertum angehörten.

Mit „Slow Food“ haben sich die Ausstellungsmacher den Namen einer Bewegung geliehen, die uniformes Fast Food ablehnt. Die Bilder der ausgestellten Maler zeugen von der Würdigung der Speisen im niederländischen Goldenen Zeitalter – vielleicht waren die letzten Jahrzehnte des schnellen Schlingens ja nicht mehr als eine kurze Episode? Sicher ist: Die Entdeckung der Langsamkeit ist auch mit der Rezeption der Bilder selbst verbunden. Die 22 Exponate enthüllen ihre Raffinesse erst demjenigen, der sie genauer studiert. Wer etwa nah an das Bild von Peeters herantritt, wird auf dem Zinndeckel der Tonkanne das Gesicht der Künstlerin gespiegelt sehen. Eine frühe Form des Selfies! Heute wäre Peeters mit diesem Bild ein Star im Netz. Doch ihre Gemälde sollte man nicht zu schnell konsumieren: Genuss braucht seine Zeit.

 

Mauritshuis, Den Haag, Foto: Ivo Hoekstra

Die Ausstellung „Slow Food. Stillleben aus dem Goldenen Zeitalter“ ist bis zum 25. Juni 2017 im Mauritshuis in Den Haag zu sehen.

(Die Besprechung ist im Greenpeace Magazin 4.17 erschienen)

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