Noga Shtainer – Homesick

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Als das Kind Kind war,

ging es mit hängenden Armen,

wollte der Bach sei ein Fluss,

der Fluss ein Strom,

und diese Pfütze das Meer.

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)

 

Noga Shtainers neue Fotoserie zeugt von einem Eigensinn. Die beunruhigende Fremdartigkeit der Orte, die Unerklärbarkeit des Geschehens – mit jedem Betrachten entzieht sich das, was uns die Bildwelt der Fotografin vorführt, mehr der Eindeutigkeit. Zugleich weisen die Arbeiten eine exzentrische Phantasie und Weltdeutung aus. Sie führen uns immer wieder auf Irrwege und das ist Absicht: Denn wo alles verständlich ist, verabschieden sich die Möglichkeiten der Überraschung und des Erstaunens. Das aber wäre aber gegen alle Absicht der Künstlerin. Die düstere Schönheit der enigmatischen Bilder ist so wirkungsstark, dass man sie schließlich kaum mehr aus dem Kopf bekommt.

 

 

Homesick heißt die Serie und besteht aus bisher 18, sich gegenseitig anziehenden Arbeiten. Kunst und Leben sind für die Künstlerin nach eigenem Bekunden nur schwer trennbar. So betrachtet sie den Prozess des Fotografierens immer auch als Form der Selbsterkundung. Als sie 2010 aus Tel Aviv in Berlin eintrifft, überwiegt ein Gefühl der Ambivalenz gegenüber der Euphorie des Neuanfangs. Die Versprechungen des Unbekannten sind groß, gleichzeitig existieren die damit verbundenen Unsicherheiten des Ortsfremden. Auf einem ihrer Entdeckungs-Ausflüge durch die neue Stadt bemerkt sie Leute, die abgeschottet in ihren Bauwagen wohnen. Als Neuankömmling und jemand, der selbst in einer genossenschaftlichen Siedlung gelebt hat, elektrisiert sie das Konzept dieser solidarischen Gemeinschaft, die sich gegen jedwedes bürgerlich-konventionelle Dasein verwahrt. Schließlich entsteht die eindrucksvolle Arbeit Wagenburg, bei der sich in den sorgfältig ausgearbeiteten Porträts immer auch ein Stück der Künstlerin selbst zu spiegeln scheint.

Die Arbeit Homesick, an der Noga Shtainer die letzten drei Jahre gearbeitet hat, nimmt die Situation des Fremdseins erneut auf und vertieft sie noch weiter. Wiederum ist die Arbeit eng mit ihrer eigenen biographischen Situation verzahnt. So wie einst ihre Großmutter von Europa nach Israel ging, dort die Sprache zunächst nicht beherrschte und sich isoliert fühlte, begibt sich nun Noga Shtainer umgekehrt in ein Land, wo sie ähnliche Voraussetzungen erlebt. Doch drückt Homesick nicht nur die Sehnsucht der Fremden aus, die zurück in die Heimat will. Die Serie ausschließlich als fotografisches Psychogramm einer geographischen Entwurzelung zu verstehen, greift zu kurz.

Im Blick auf das eigene Leben begegnen wir immer wieder dem rätselhaften Prozess des Erinnerns und Verdrängens. Heimweh schließt bei Noga Shtainer vor allem das Sehnen nach einem Lebensort der Vergangenheit ein, den wir allgemein als Kindheit umschreiben. So ist sie auf der Suche nach dem Verlorenen – die Künstlerin gräbt in ihrer Arbeit erinnerungsverschüttete Momente dieses frühen Lebensabschnitts aus. Dabei erschafft sie in ihrer Fotografie eine Poetisierung der Bilder, bei der sie alle nicht-poesiefähigen Gegenstände konsequent aussperrt. Es sind die sentimentalen, die oft nur noch schwach memorierten Episoden der Kindheit, die sie zurückholt und hinter denen urplötzlich weitere dunkle Erinnerungen, verwirrende Phantasien sowie beunruhigende Traumbilder aufploppen. Geschickt setzt Shtainer dazu das stilistische Mittel der Schwarzweißfotografie ein und befindet sich damit im Gegensatz zur farbig-lyrischen Vorgängerserie. Das ist Kalkül, denn der Fotografin geht es darum, jede zeitliche und örtliche Eindeutigkeit zu vermeiden und das Unwirkliche des einzelnen Moments zu stärken.

Wer will, mag in die neuen Arbeiten fotografische Anspielungen hineinlesen, die sich auf surrealistische Fotografie, auf Francesca Woodmans melancholische Selbstinszenierungen oder sogar auf die bizarren Phantasien Roger Ballens beziehen. Ein weiterer Einfluss, den die Künstlerin für sich feststellt, ist das Werk des Fotografen Arthur Tress. Der Amerikaner ließ sich einst von Erwachsenen die Albträume des Kindseins berichten, um diese Traumsequenzen dann in einem dokumentarischen Stil minutiös nachzustellen. Die Ergebnisse mündeten schließlich in einem Buch mit dem schönen Titel „The Dream Collector“.

An der Trennlinie von Wirklichkeit und Traum-Phantasie setzen die geheimnisvollen Arrangements von Noga Shtainer an, die eine bestimmte Lebens- und Entwicklungszeit heraufbeschwören und aus denen immer lauter die Echos der Erinnerung erschallen. Ähnlich wie Arthur Tress sammelt Noga Shtainer eigene erinnerte Kindheitsbilder ein, um sie ein für allemal dem Vergessen zu entreißen.

 

 

Als das Kind Kind war. Bei der Fotografin tritt das Kind als göttliches Unschuldswesen auf, das den Wald ausschließlich als Ort der Versprechungen begreift. Niemand, der störend in das kindliche Treiben eingreift. Alles Buschwerk dient allein dem vergnüglichen Versteckspiel. Noga Shtainer zeigt das lustvolle Verkleiden mit Masken. Die Puppe wird zum treuesten Wegbegleiter. Doch je mehr man sich den sorgsam aufbereiteten Inszenierungen dieser Kindwelt übergibt, desto mehr kippen die darin dargestellten Situationen, werden immer mysteriöser und berühren etwas im Innersten des Betrachters.

Dann sind die Kinder plötzlich viel zu ernste Wesen. Der Wald zeigt sich als dräuende Kulisse. Das Verschlingende der Pflanzen wirkt ängstigend. Die Maskierung dient als Abwehr gegen alles bedrohliche Äußere, hinter dem sich das wahre, das eigentliche Selbst zu schützen versucht. Vertrautes Spielzeug entwickelt sonderbares Eigenleben. Die Ungestörtheit verkehrt sich in eine alle Szenen durchströmende Einsamkeit. Die äußere Welt wird zu einer Spiegelung der inneren Welt, zu einem Ort seelischer Verfasstheit.

Shtainers Bilder sind magische Beschwörungen einer Sehnsucht nach Kindheit, die uns innewohnt, der sich gleichzeitig aber immer wieder dunkle Phantasien aufdrängen. Das Seltsame daran ist, dass man sich der Düsterkeit der Bildinhalte als Betrachter keineswegs entziehen möchte. Alles scheint darin möglich, das Schöne wie das Schreckliche. Keinesfalls verlassen wir fluchtartig die Szenen. Da ist ein halluzinatorischer Sog, der uns tief und tiefer in die Zonen der Unerklärlichkeiten treibt. Immer stärker verfangen wir uns in den Bildern, um uns am Ende benommen aus den von der Fotografin ausgebreiteten magischen Landschaften wieder herauszubewegen. Doch Noga Shtainers Inszenierungen laden den Betrachter ein: er kann zurückkehren, wann immer er will. Ihre Bilder halten die Tür einen Spalt auf in verschüttete Erinnerungen.

(Mit der Künstlerin Noga Shtainer habe ich im Herbst 2016 die Ausstellung Wagenburg  / Near Conscious in der FREELENS Galerie veranstaltet. Homesick ist ihre ganz neue Arbeit. Der Text dazu entstand im April 2017. Ausstellungen  an verschiedenen Orten sind in Planung.)

 

 

 

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