Walter Keller – Beruf: Verleger

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Was ist größtes Glück? Wenn Bücher diesen unwiderstehlichen Sog ausüben, dass man alles um sich herum vergisst. „Walter Keller – Beruf: Verleger“ ist so eines. Gleich im ersten Text verhake ich mich. Tagebuchnotizen von Nikolaus Wyss, in der die Geschichte zweier Freunde erzählt wird, die sich im Volkskundestudium treffen und ein Magazin starten, aber schnell mit Geldnöten und inhaltlichen Meinungsverschiedenheiten kämpfen und sich entzweien. Dazu kriegt man Auszüge des legendären „Alltags“ präsentiert, die einen radikalen Perspektivwechsel aufzeigen – faksimilierte Seiten, auf denen statt ereignisorientierter Berichterstattung der Auseinandersetzung mit Banalitäten gefrönt wird.

Im Kontext kommt Urs Stahel zu Wort, der sich beim „Alltag“ seine ersten Sporen verdient. Er ist einer der wichtigsten Wegbegleiter in Walter Kellers Leben und wird mit diesem Jahre später die gemeinsame Idee eines Fotomuseums entwickeln und ihn bei der Gründung des Scalo-Verlags stärken. Durch das Buch ziehen sich verschiedenste Perspektiven von Freunden und Kollegen, die auch unangenehme Seiten nicht auslassen, aber somit ein umfangreiches, faszinierendes Bild zeichnen. Erinnerungen von Martin Heller, mit dem Keller einst eine erfolgreiche Ausstellung machte. Ein Interview mit Michael Rutschky, der Berlin-Redakteur beim Alltag war. Martin Jaeggis Innenperspektive als Mitarbeiter bei Scalo, Nan Goldins Rückblick, in der sie die Bedeutung ihres Mentors für ihre Karriere herausstellt. Dazu überreichlich Bildmaterial und Beispielseiten der herausgegebenen Publikationen. Man erfährt Allgemeines über das Magazin- und Büchermachen und Spezielles über einen schillernden Kulturschaffenden, der zumeist ein untrügliches Gespür für Dinge hat, die gerade in der Luft liegen. Wie aus einer privaten Talkshow der „Alltag“ entsteht.

Wie man ein Magazin (Parkett) mitinitiiert, das nach kurzer Zeit einen festen Platz in der Kunstwelt einnimmt. Wie man schließlich einen Verlag namens Scalo gründet, der international für Furore sorgt. Und auch die Schattenseite wird nicht ausgespart: Wie man als erfolgreicher Macher Umstände falsch einschätzt und ins Straucheln gerät. Wie man sich mit einem Fotografen wie Robert Frank, der extrem wichtig für die Scalo-Entwicklung war, überwirft. Wie man alles verliert, von einstigen Bewunderern gemieden wird und wieder auf die Beine kommt. Wie es gelingt, publikumswirksame Ausstellungen zu machen und das Comeback jäh vorbei ist – Keller stirbt mit 61 Jahren. Beeindruckend, wie die Herausgeber Urs Stahel und Miriam Wiesel alles Material zusammengetragen und in eine überzeugende Form gegossen haben, kenntnisreich und absolut kurzweilig. Als ich schließlich auf Seite 432 anlange, schlage ich das Buch zu, es ist lange nach Mitternacht.

Zwei nachhaltige Scalo-Erlebnisse schieben sich bei der Lektüre in meine Erinnerung: In den 90er Jahren arbeite ich in einer Fotobuchhandlung, als ein Verlagsvertreter mit einem neuen Buchprogramm hereinschneit. SCALO heißt der Verlag. Wir bestellen auf der Stelle das komplette Programm. Und jedes Mal fiebern wir den Bücherpaketen mit Novitäten entgegen: Jim Goldberg, Gilles Peress, Merry Alpern, Richard Billingham. Das ist alles radikal und aufregend neu in Form und Inhalt und kühlt mein Interesse für das klassische Fotobuch völlig ab.

Einige Jahre später arbeite ich im Steidl Verlag. Gerd Steidl ruft mich zu sich, um mich einem Geschäftspartner vorzustellen. Vor mir steht ein Lockenkopf, smart gekleidet, der mich über den Brillenrand hinweg anblinzelt, sich als Walter Keller vorstellt und mich mit kecken Fragen aus der Reserve lockt. Beide Verleger befinden, dass ich mich neben Steidl-Aufgaben fortan dem Deutschland-Vertrieb von Scalo-Büchern widme. Gefragt werde ich nicht, ein Nein käme einer Majestätsbeleidigung gleich. Scalo ist gerade auf dem Höhepunkt, wird mit Respekt von Künstlern und Kuratoren aus der aller Welt behandelt, arbeitet eng mit wichtigen Museen zusammen, hat neben der Züricher Schaltzentrale Büros in New York und Berlin.

Fortan beiße ich mir die Zähne aus an Buchhändlern, wenn ich Paul Grahams „End of an Age“ oder Boris Mikhailovs „Case History“ anbiete. Die Welt ist bereit, nur der deutsche Buchhandel nicht. Als ich einmal in Berlin für Scalo unterwegs bin, ruft mich Walter Keller an, um mich abends zu treffen. Nervös berichte ich über meine Erfahrungen, Keller aber lacht nur über die vergeblichen Bemühungen, die Bücher im Regal der Buchhändler zu platzieren. Er redet stattdessen über den internationalen Markt, speziell den in Amerika, in den er viel Hoffnung setzt. Mir wird der Eindruck vermittelt, dass da jemand in viel größeren Zusammenhängen denkt und es ihm fast egal ist, wenn ein Mikhailov nicht in hiesigen Buchläden liegt. Er gibt an diesem Abend den völlig gelösten Verleger, geistvoll-brillant, charmant, mitreißend in seinen Visionen.

Eine Begegnung, an die ich wehmütig denke, da mich das Buch noch mal in die Themenwelt jenes Abends rückkatapultiert. Das Buch erzählt viel: über frühe Formen des selfpublishings, über die Fähigkeit ständiger Neuerfindung (Ausstellungsmacher, Betreiber einer Fotobuchhandlung, Berater, Redakteur etc.). Es erzählt über strategische Entscheidungen, über einen Markt, der für einen Fotobuchverleger zur besten Zeit ein einziges Versprechen bedeutet und der ihn schließlich für jede Fehlentscheidung unnachgiebig bestraft. Ich hab sicher die Hälfte der Dinge vergessen, die Erwähnung finden sollten. Es gibt viel zu entdecken, aber das tue gerne jeder für sich. Wer sich nur irgendwie für Fotografie und Büchermachen interessiert, wird diesen Band verschlingen. Dazu muss man Walter Keller nicht gekannt haben oder glühender Verehrer seiner Publikationen sein.

Hrsg. von Urs Stahel und Miriam Wiesel. Edition Patrick Frey 432 Seiten mit 600 Abb., 19,2 x 25,7 cm, ISBN 978-3-906803-36-4, Pb., 52,00 €

 

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