Leif Sandberg – Am Ende und über das Ende hinaus

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Der Tod ist ein Dandy auf einem Pferd. Die Zeile eines alten Neubauten-Songs kann als eindringliche Allegorie herhalten, um die Ungeheuerlichkeit zu beschreiben. Leif Sandberg hörte die Hufe schon, als der elegante Reiter gerade noch einmal abbiegt. Mors certa, hora incerta: Der Tod ist sicher, doch seine Stunde nicht bekannt. Sandberg übersteht eine schwere Krebsoperation. Zu diesem Zeitpunkt ist der Schwede Ende 60 und die Erfahrung der eigenen Endlichkeit wirkt schwer in ihm nach. „Nach der achtstündigen Operation war ich lange ziemlich schwach und brauchte ein volles Jahr, um mich zu erholen. Ich konnte physisch richtig fühlen, dass ich durch etwas hindurchgehen musste und dadurch eine zweite Chance im Leben bekam. Die Frage, die sich mir aufdrängte – Wie soll ich mit dieser zweiten Chance umgehen?“

Es ist die Fotografie, die zum Rettungsanker wird. Dabei ist Sandberg ursprünglich gar kein Fotograf, auch wenn er sich schon immer für Fotografie interessiert. Im fortgeschrittenen Alter besucht er an der Universität Kurse zur Kunstwissenschaft, in denen er intensiver mit fotografischen Themen in Berührung kommt. Erst die existentielle Grenzerfahrung lässt den Entschluss wachsen, ein ernsthaftes Foto-Projekt zu starten, das helfen soll, Ängste und Leiden aus der Vergangenheit zu verarbeiten. Schon als Arbeitnehmer hat er unter stressbedingten Panikattacken gelitten. Auch das wird als Thema in diese Arbeit eingehen. „Ending“ wird zu einer Art Therapie, um die eigene Lebenssituation besser bewältigen zu können.

Dass er eine sehr eigene, sehr faszinierende Ausdrucksform findet, hat damit zu tun, dass er sich traut, seine Arbeit immer wieder zu überdenken und Ratschläge anderer Fotografen anzunehmen: „Irgendwann wagte ich mich in eine Portfolio-Sitzung von Anders Petersen, der mich ermutigte, meinen eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Und kurz danach nahm ich an einem Workshop mit ihm und JH Engström teil. Es war eine revolutionäre Erfahrung, dass ich dort erstmals ganz andere Fotografen treffen konnte und mich Anders und JH an ihrem Wissen und Denken teilhaben ließen. Beide wurden sehr wichtig für meine Entwicklung. Schließlich nahm ich an JHs einjährigem Workshop im Atelier Smedsby teil und fand für Ending eine immer klarere Form.“

Mehrere Jahre arbeitet er an seinem Projekt, das in einem Buch mündet. Alterungsprozesse, Panikattacken, Todeserfahrung, Überlebenskampf – all das wird thematisch ausgespielt. In das Cover des Buches ist eine grobe Naht eingeprägt. Diese begegnet einem im Innenteil wieder. Es ist eine Operationsnaht, die sich längs über Sandbergs Bauch zieht. Der Fotograf breitet extrem herausfordernde und zugleich poetisch anmutende Bilder vor uns aus. In diesen sind sehr genau seine Vorstellungswelten abgebildet, die den Tod umgeben. Dazu bedient er sich Mittel, die nicht neu sind, hier aber klug eingesetzt werden: Doppel- und Überbelichtungen, Unschärfen, Close-Ups. Doch da ist noch etwas – die Schonungslosigkeit und Ehrlichkeit, mit der sich selbst inszeniert. Einmal sieht man ihn allein im Wald stehen. Der Kopf wird heftig geschüttelt und ist in totaler Bewegungsunschärfe. Man fühlt sich als Zeuge, der einer Panikattacke des Schweden in Echtzeit beiwohnt. Ein anderes Mal sieht man ihn nackt auf dem Boden liegen, Erde fällt auf seinen Körper. Als fände ein vorweggenommenes Begräbnis statt. Man verharrt und widmet den vorgefundenen Situationen einen zweiten und dritten Blick, bis schließlich eine Wahrheit zutage tritt, die einen beunruhigt zurücklässt. Selbst die wenigen versöhnlichen Momente wirken nach. An mehreren Stellen sieht man Sandberg mit seiner Frau, mit der einen Großteil seines Lebens verbracht hat und die ihm hilft, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Fest klammern sie sich aneinander, als könnten sie das nicht Kontrollierbare unter Kontrolle bringen und die unabänderliche Endlichkeit austricksen.

Was aber, wenn der Reiter doch gehalten und zum Aufsitzen befohlen hätte? In seiner neuesten Arbeit „Beyond the mirror“, die in einem weiteren, wunderbar gestalteten Buch präsentiert wird, führt Sandberg genau diese Geschichte fort: „Beyond the mirror übernimmt dort, wo Ending aufhört- in einer Fantasiewelt nach dem Tod. Die neue Arbeit ist viel vager und offener für die Interpretationen des Betrachters.“

Als er mit der Serie beginnt, fallen ihm alte Negative seines Vaters in die Hände. Bilder von Landschaften und Reisen, die nicht weiter benannt sind. Er nimmt diese, bearbeitet sie und mischt sie mit eigenen Arbeiten, die vor allem während seiner Wanderungen des Jakobswegs entstanden sind. Diese Wanderungen in Einsamkeit sind ein taugliches Mittel für den Schweden, um zur Ruhe zu kommen, spirituelle Erfahrungen zu sammeln, und während der langsamen Fortbewegung fotografische Ideen zu entwickeln und direkt vor Ort umzusetzen.

„Beyond the mirror“ eröffnet einen Assoziationsraum von eindrucksvoller Weite, wenn der Fotograf seine Vision des Jenseitigen vorstellt. Die Fotos, die er während seiner Wanderungen aufnimmt und mit denen er später in der Dunkelkammer experimentiert (mal sieht man Flecken vom Entwickler, mal entstehen Bildumkehrungen durch Solarisations-Effekte), entwickeln enorme atmosphärische und metaphorische Wucht.

Wohin der Blick auch immer fällt: Es geht um Vereinzelung, Fremdheit, ein Ausgesetztsein. Dunkel und anspielungsreich sind die Szenen, in denen die Umrisse Sandbergs manchmal hervorstrahlen, um dann gleich wieder zu verschwinden. Und auch wenn man es sich anders erhofft von seiner Vision. Erlösung gibt es hier nicht.

(erschienen in Photonews 5/19)

Weitere Infos auf:  www.leifsandberg.com. Das Buch „‚Ending“ ist bei Bœcker Books erschienen, “ Beyond the Mirror“ bei Void

 

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