Johannes Frandsen – Touch Me

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Touch me – Als Aufforderung eindeutig. Aber wir kennen uns doch gar nicht? Am Ende obsiegt die Neugierde. Man folgt der mit Nachdruck vorgetragenen Bitte und hilft dem stummen Gegenüber, sich zu entkleiden. So fühlt es sich jedenfalls an, während ich das Buch aus seinem Schuber drücke. Als würde das Gegenüber den Mantel einfach auf den Boden fallen lassen.

Das aber führt zu einem unerwarteten, intimen Moment, der mich auf dem falschen Fuß erwischt. Auf dem Cover steht etwas abseits ein Pärchen. Einsam ist der Ort, ich mag nicht hier sein, vor allem mag ich nicht der Beobachter der Szene sein. Dem Paar wird egal sein, ob jemand schaut, denn es ist sich selbst genug. Dass seine engen Umarmungen wie Umklammerungen wirken, irritiert mich.

Ich selbst löse mich aus der Umklammerung der Szene und öffne das Buch, dessen Fotos sofort einen ganz eigenen Sound mit sich führen. Ab den 70er Jahren entstanden Bands, die durch Schweden zogen und zum Tanz aufspielten. Dansband-Musik heißt das Genre, eine Fusion verschiedenster Stile von Schlager bis Rock. Bis heute füllen Dansbands am Wochenende die Säle der Stadthotels oder Vergnügungsparks mit Jung und Alt. Jeder Schwede kennt diese Veranstaltungen. Auch Johannes Frandsen, der sich in das Getümmel dieser Events wirft. Dankbares Thema denkt man und stellt sich Musiker in Glitzeranzügen vor, die vor aufgekratztem Publikum spielen. Lustig-ironische Momente, an denen wir uns delektieren. Das Narrativ von Frandsen ist ein anderes. Nie sieht man eine Band, die Musik darbietet, und der Sound, der aus dem Hintergrund tönt, ist längst nicht so ausgelassen, wie man vermutet.

Im Buch beginnt es mit schweißglänzender Haut. Man zieht den Anderen eng an sich, der Blick ist abgewandt, die Augen geschlossen. Das ist der Konzentration geschuldet, um den Rhythmus zu halten und alles um sich herum auszublenden. Dann sieht man einen älteren Herrn, der auf die Knie fällt. Ist es Alkohol oder ein Schwächeanfall? Ältere Paare haben auf einer Bank Platz genommen. Das nach außen gezeigte Amüsement will kaum die Müdigkeit übertünchen, von der die Herrschaften befallen sind. Am Rand der Bank sitzt eine Frau einzeln. Den Kopf in die Hand gestützt, blickt sie in die Leere. Man denkt an das Foto, das man eben überblättert hat: ein Pflanzenkübel, achtlos in die Ecke geschoben. Schließlich gibt es die Aufname einer jungen Frau. Das Haar fällt ihr übers Gesicht. Auf dem Arm ist ein Schriftzug tätowiert. Fight for Life / Live for Love. Die altbekannten Sehnsüchte der Menschen sind immer existent, doch was kann sie stillen? Wenn die Dating-Plattform nicht weiterhilft, dann ein Tanzabend. Vielleicht.

Die Anfangs-Szenen sind fotografische Miniaturen und es passiert durch das ganze Buch hindurch nie viel. Doch die Art, wie einen die beiläufigen Szenen rühren, ist so merkwürdig, dass man unsicher ist, ob man für die ausgelösten Gefühle wirklich dankbar sein soll.

Frandsen benutzt eine Kleinbildkamera, seine Szenen sind teils überblitzt und er ist nah dran an den Leuten im Saal. Dazwischen immer wieder der Distanzwechsel: oft betrachtet er Menschen in gebührender Entfernung, dann, wenn sie sich vor der Tanzhalle aufhalten. Die Lichtverhältnisse sind schwierig, die Resultate grobkörnig, unscharf, auf eine bestimmte Weise verstörend. Aber selten schienen Stilmittel angebrachter für das, was gezeigt wird. Selten hatte man das Gefühl, jemand könne so tief ins Innere der Menschen schauen, um dort das Begehren, die Sehnsüchte, die Entbehrungen, all das Scheitern aufzuspüren.

Und so begegnen wir Gewinnern und Verlierern. Pärchen, die sich für immer, ganz bestimmt jedoch für die Länge eines Abends gefunden haben. Wir betrachten die Einsamen am Rand des Geschehens. Die, die nicht aufgefordert werden, und die, die zu schüchtern sind. Junge Männer, getrieben von Hormonwallungen, ziehen ihre Frauen zum Knutschen hinter Bäume. Die Alten bewahren einen abgeklärten Blick, doch im Innern rührt eine ferne Sehnsucht. Manchmal geht einer zu den Bäumen, um sich zu entleeren. Alkohol ist ein Stimmungsaufheller für jene, die heute leer ausgegangen sind. Der nächste Dansband-Abend kommt bestimmt. Frandsen ist ein extrem genauer Beobachter, ein Moralist, möchte man meinen, der seine Figuren nicht entblößt, sondern mit großem Ernst betrachtet. Touch me! Tanz mit mir! Tue ich ja, aber die ganze Zeit stolpere ich eher, als dass ich durch das Buch gleite. Das ist anstrengend und doch gibt es auf seltsame Weise ein gutes Gefühl. Mehr ist kaum zu verlangen von einer Arbeit: ich bin berührt. (Photonews, Oktober 2018)

Johannes Frandsen. Touch Me. Kerber Verlag. ISBN 978-3-7356-0504-7. 112 S. mit 70 Farbfotos. Pb., 40,00 Euro

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