Fahrt ins Raue

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Eine Rede anlässlich der Eröffnung der Off-Triennale-Ausstellung „Sightseeing the Real“ im Juni 2018 mit 11 Hamburger Fotografinnen und Fotografen.

Fahrt ins Raue

Mit der Linie A kommen Sie zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten: Der Bus führt Sie an der Speicherstadt vorbei, durch die HafenCity, bis zu den Einkaufsmeilen der Stadt. Bestaunen Sie eindrucksvolle Villen an der Außenalster. Besichtigen Sie das Rathaus, flanieren Sie über die weltbekannte Reeperbahn. (…)Bei schönem Wetter fahren wir Sie mit offenem Verdeck durch die kultige Hansestadt. (Werbung für Stadtrundfahrt.com)

Meine Damen und Herren, setzen wir uns also jetzt die Kopfhörer des Audioguides auf, um dem Live-Kommentar zu folgen. Wir fahren unser erstes Ziel an – die Hafencity…Sie sehen links…rechts sehen Sie….

Während einem eine Stimme eindrucksvolle Zahlen für das größte europäische Stadtentwicklungskonzept um die Ohren schlägt und gleichzeitig die Attraktionen an mir vorbeifliegen, ich den Blick hektisch kreisen lasse, Fotos mache vom Marco Polo Tower oder dem Maritimen Museum, wird meine Aufmerksamkeit gelenkt auf jemanden, der sich etwas abseits der Touristenströme bewegt und ruhig seine Kamera aufbaut. Etwas daran ist eigenartig. Während alle anderen ihre Smartphones auf die Einzigartigkeiten des Quartiers, allem voran natürlich auf die Elbphilharmonie richten, ist die Blickrichtung desjenigen, der aus der Menge sticht, eine andere. Dieser eine ist Peter Bialobrzeski und wüsste man als Vorbeifahrender mehr über ihn, würde man verstehen, warum er sich dem entgegenstellt. Schon lange hat er sein Thema gefunden, immer haben ihn stadtsoziologische Stoffe umgetrieben, etwa der kulturelle Identitätsverlust oder die politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen. Das Hafencity-Quartier steht für eine unaufhaltsame Bewegungs-Dynamik, ein Auflösen alter Ordnungen, die Verdichtung des Stadtraums.

Seit 2003 durchkämmt Peter Bialobrzeski dieses Revier im Gleichschritt mit den Bauabschnitten. Immer wieder hat er etwa das neue Wahrzeichen Hamburgs fotografisch festgehalten, angefangen vom nackten Kaispeicher A bis zur holperigen Fertigstellung. Am Fertigen selbst war er aber nicht interessiert, nicht an der Pracht der eröffneten Elbphilharmonie. Seine Dokumentation von Hamburgs jüngstem Stadtteil wird er dagegen so lange fortsetzen, so lange die Kräne am Himmel ein wildes Ballett aufführen.

Meine Stadt! Ich kann ihr nichts abschlagen! Meine Stadt schreit! Sie ist meine Geliebte! Sie ist meine Mutter! Meine Mutter! (Aus dem Stück „Hamburg“ von 187 Straßenbande)

Schon fahren wir weiter auf unserem Trip durch die – wie hieß es in der Ankündigung- kultige Stadt. Wir bewegen uns an Gebäuden entlang, die uns vorgeben, zu sein, was sie gar nicht sind. Eigentlich nehmen wir diese mehr zur Kenntnis als dass wir ihnen Aufmerksamkeit schenken. Hier ein Postamt, dort ein Schulgebäude. Die Ansichten von Stefan Becker zeigen schmucklose Verwaltungs- oder Funktionsgebäude, hinter deren Fassaden wir nicht blicken können. Welche Leute arbeiten hier, welche Lernstoffe werden den Schülern vermittelt? Der Schein trügt. Kennen wir den Titel von Stefan Beckers Serie, ändert sich unser Blick schlagartig. Asyl heißt die Arbeit und zeigt in geradezu aufreizend zurückgenommener Weise die zu Flüchtlingsunterkünften umgewidmeten Gebäude.

Die nüchtern wirkenden Bauten bilden einen extremen Kontrast zu den häufig erschütternden Lebenslagen der Geflüchteten. Wie viele Menschen wohnen hier? Wie sieht ein gutes Leben für sie aus? Wie werden die Behörden entscheiden? Dürfen sie bleiben oder werden sie als Abgelehnte zurückgeschickt? Die Fragen, die wir uns laut dazu stellen, verwehen im Wind, der über die Freiflächen vor den Herbergen bläst. Über der Tür eines Backsteingebäudes steht die Inschrift: Licht Liebe Leben. Das aber klingt fast wie ein Wunsch, den ich jenen schicke, die hinter den Türen leben.

Alle lieben unsere Stadt. Der unheimliche Touri-Boom in Hamburg (Schlagzeile der Morgenpost. Nov. 2017)

Der Bus nimmt Tempo auf, die Haare wehen im Wind auf dem offenen Oberdeck. Da, wo die Hecken nicht hoch genug sind, ergibt sich der Blick auf eine in ihrer Zeit erstarrte Welt. Das Rosa des kleinen Schuhkartons leuchtet zart vor dem Hintergrund des Buschwerks, ein anderes Häuschen ist eingerüstet mit dunklen Holzlatten und versprüht den Charme einer rustikalen Berghütte. Wer wohnt hier eigentlich? Infolge des Wohnungsnotstands in Hamburg nach 1945 errichteten Kleingärtner sogenannte Behelfsheime, die den Druck auf den überlasteten Wohnungsmarkt verringern sollten. Gibt der Besitzer heute aus Altersgründen auf, erlischt mit dem Pachtvertrag die Wohnnutzung. Abriss ist das unumgängliche Schicksal. Dahinter steht auch eine Senatspolitik, die immer mehr Kleingärten zu Bauland umwandeln will. Enver Hirschs und Philipp Meusers Ansichten bilden eine im letzten Moment vorgenommene Inventarisierung eines besonderen Stücks Kulturgeschichte. Gerne wäre man dabei, wenn die beiden Fotografen unterwegs sind, als Fremde im Schreberparadies, die misstrauisch beäugt werden. Gerne würde man erleben, wie sie mit ihrem Verhandlungsgeschick den Argwohn der Besitzer schließlich in Vertrauen wandeln und diese ihre Gartentore öffnen und stolz ihre Behausungen vorführen.

Es ist die Rohheit des Provisorischen, der Stolz der handwerklichen Selbstverwirklichung, die Heimeligkeit des erschaffenen Domizils, die den Betrachter anrührt. Es hat etwas Tröstliches und Verzweifeltes, was die letzten Häuschen ihrer Art ausstrahlen. Sie sind wie Treibgut, die sich einer die Stadt überrollenden Wachstumswelle vergeblich zu erwehren versuchen.

When all’s said and done, Hamburg’s appeal can be narrowed down to one simple calling card: Welcome to one of the coolest cities on earth.(Aus: Lonely Planet Reiseführer)

Der Bus nimmt seinen Zickzackkurs. Wir befinden uns in der Innenstadt. Hier sind die teuren Lagen, hier befinden sich die feinen Einkaufspassagen, noble Bürohäuser, exklusive Hotels. Immer mehr Neubauten entstehen, unser Audioguide lenkt unsere Aufmerksamkeit jedoch auf die Kirchtürme, Museen, Kontorhäuser. Tatsächlich täuscht das nicht darüber hinweg, dass das Angesicht der Stadt hier im Inneren ein wenig langweilig wirkt. Was entsteht hier – ein verglastes, den Investorenwünschen folgendes Konglomerat von Funktionsarchitektur? Jonas Fischer zeigt die Stadt in ihrem Transformationsprozess. Ihn interessieren die Abrisslücken, die sich überall auftun. Im Zug der Auseinandersetzung mit dem Thema hat er immer wieder das Gedächtnis von Google-Street View befragt, um zu merken, dass vor allem eine Architektur der Fünfziger-Jahre-Moderne rücksichtslos geopfert wird.

Tiefe Wunden entstehen im Gesicht der Stadt, die in Rekordzeit versorgt werden wollen. Von unserem Sonnendeck-Platz des Busses betrachten wir mit Neugierde die Lücken im Stadtbild. Die dort verbleibenden Gebäude, die mit Plastikbahnen wie riesige Pflaster geschützt sind. Die Kraterlandschaften, auf denen Fundamente der neuen Luxusgebäude errichtet werden. Das wirkt herrlich absurd, um im nächsten Moment auch ein wenig Wehmut heraufzubeschwören. Aus dem Audioguide tönen Anekdoten, während mein Blick auf einer Abrissbirne haftet.

Wie sieht’s aus in Hamburg? Ist das Wetter noch intensiv, sind die Bars noch laut wie Kriege? (Aus dem Album „Heureka“ von Tomte)

Ich überlege mir an dieser Stelle, ob ich den Hopp on hopp off Bus verlasse und Sie, meine Damen und Herren, dazu ermutige, zu promenieren. An einer langen, mehrspurigen Straße hinter dem Bahnhof werden wir ausgespuckt. Erwartet hier jemand den großen Bohei, wird er bitter enttäuscht. Bürogebäude, ein Self-Storage, eine Tankstelle. Eine gesichtslose Straße, die vor allem Autofahrern als Ein- und Ausfallstraße dient. Wohl eher kein Ort, der uns zum Flanieren einlädt, weil hier attraktive Anlaufpunkte wären. Eine, die hier auf- und abgeschritten ist, ist Julia Knop. Sie ist darin geübt, sich im Geschehen der Masse zu bewegen. In den letzten Jahren hat sie in Istanbul, Sao Paulo oder Shanghai das Geschehen auf den dortigen Einkaufsboulevards festgehalten, durch die jeden Tag Unmengen von Menschen gepumpt werden. Je mehr es um sie toste, desto ruhiger hat sie ihre Kamera gehalten, um Menschen und ihre Handlungsmuster inmitten eines rein konsumgesteuerten Treibens herauszuarbeiten.

Auf der Spaldingstraße stoßen wir dagegen auf nur wenige Passanten, die von A nach B wollen auf einer der unglamourösesten Straßen Hamburgs, weil sie hier arbeiten, sich verirrt haben oder den Weg nutzen, der am schnellsten zum Ziel führt. Julia Knop nimmt jenen Moment ins Visier, an dem wir gehetzt aneinander vorbei laufen. Es ist der nach innen gewandte Schutzblick des Städters, mit dem sich dieser durch den urbanen Raum bewegt und über den anderen achtlos hinwegsieht. Sie löst die Vorbeilaufenden für einen Moment aus ihrem Tun, betrachtet sie genau und lässt uns eine allgemeine Verfasstheit des Großstädters erkennen. Es ist merkwürdig, aber selten schien man fremden Menschen näher gerückt zu sein als in diesen Porträts.

Hätte ich die Wahl, würde ich niemals von dir weichen. Hamburg, du bist meine einzig wahre Liebe. (Aus: Hamburger Deern, Virales Video mit weit über einer Mio. Klicks bei Facebook und Youtube)

Mundsburg erstreckt sich in der Ferne. Auch wenn es nicht auf den ersten Plätzen der Must-See-Attraktionen steht, die vom Hamburger Tourismus-Office empfohlen werden, weckt es die Neugierde. Uns treibt es zu den drei identisch wirkenden Türmen, die sich vor dem Grau des Himmels erheben. Architektonische Zeugnisse, in den siebziger Jahren erbaut. Wahrzeichen Hamburgs, wenn auch nicht von jedem Hamburger geschätzt, stehen diese am Mundsburg Center in der Nachbarschaft zu einem der großen Einkaufszentren, dessen erster Bau im Stil des Brutalismus gehalten war. Diese Großprojekte aber waren es, die oft den schlechten Ruf der Architektur der Nachkriegsmoderne begründeten. Aber Sichtweisen ändern sich: Die Vehemenz, mit der verantwortliche Stadtplaner den Abriss solcher Bauten noch vor einiger Zeit forderten, nimmt ab. Denkmalschützer warnen vor der Zerstörung einer historisch gewachsenen Identität einer Stadt, vor der Vernichtung kulturellen Erbes, die durch eine gefällige Investorenarchitektur ersetzt wird. All das spielt tief in die Arbeit von Roman Bezjak, der in seinen Ansichten eine Sensibilisierung für die eigenwillige ästhetische Qualität solcher Bauten schafft. Gilt es nicht, solche Architektur als Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen Zeitstimmung zu bewahren?

Roman Bezjak bietet eine Perspektive, die uns zu einer gerechteren Beurteilung führt. Mit ihm streifen wir um die Mundsburger Türme, klettern auf Parkdecks, entwickeln eine Begeisterung für die Funktionalität, Proportionen, Formen und Materialien, das Zusammenwirken von Grün und Beton. Vielleicht lassen wir uns nieder auf eine Mauer und halten ein wenig inne im Angesicht der Grandezza, die uns die Gebäudeansichten entgegenbringen.

Nach diesem Übermaß an Architektur übermannt uns die Sehnsucht nach Gesellschaft. Ach, wie lebt so der gemeine Hanseat? Und wo fahren wir hin, um ihn zu treffen? Ins exklusive Blankenese, ins dicht besiedelte Eimsbüttel, ins bunte Altona? Wir nehmen den nächsten HVV Bus und lassen den Zufall walten.

Die Hamburger sind gute Leute und essen gut. Über Religion, Politik und Wissenschaft sind ihre respektiven Meinungen sehr verschieden, aber in Betreff des Essens herrscht das schönste Einverständnis. (Heinrich Heine, Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski, 1831)

 Steilshoop – Endstation. 1969 wurde der Grundstein gelegt für eine neue Wohnstadt, die 22.000 Menschen einen Platz bieten sollte. Neu-Steilshoop galt als letzter Schrei der Stadtentwicklung. In der Großwohnsiedlung liegt der Anteil der Arbeitslosen heute deutlich über dem Durchschnitt. Ein Viertel bezieht Hartz IV. Der Sozialstatus der Mehrheit ist niedrig. Menschen unterschiedlichster Nationen leben hier zusammen, dabei ist eine Vielfalt vorhanden, die zu Brüchen und Schwierigkeiten führt. Soziale Brennpunkte nannte man einst solche Orte, heute würde man wohl von „Quartieren mit erhöhtem Entwicklungsbedarf“ sprechen. Die soziale Balance ist fragil, gegen das schlechte Image wird seit Jahren mit viel Sozial- und Integrationsarbeit angekämpft. Steilshoop liegt fernab dessen, was wir zuerst mit Hamburg verbinden mögen. Aber genau aus diesem Grund hat sich Paula Markert hierhin begeben, um ein anderes Antlitz der Stadt vorzustellen. Sie zeigt Menschen vor Ort, mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und Religionen, die es dennoch schaffen und schaffen müssen, ihren Alltag gemeinsam zu meistern.

Ihre Fotos, die Erwachsene, aber auch Jugendliche in Einvernehmen zeigen (es wird zusammen gekocht, diskutiert etc.), versprühen einen Geist, der nicht in Frust oder Perspektivlosigkeit mündet, sondern Offenheit, Pragmatismus und Toleranz im Umgang miteinander ausdrückt. Sind das nicht eigentlich die typischen Charakteristika, um das genuin Hanseatische zu beschreiben? Paula Markerts Fotos stellen eine kühne Behauptung auf: das wahre Herz von Hamburg schlägt vielleicht in Steilshoop.

Sie wollen auf ganz besondere Weise Hamburg erkunden? Warum nicht mal auf zwei Rädern mit einem ultramodernen Gefährt? Erleben Sie Hamburgs Sehenswürdigkeiten auf dem trendigsten Fahrzeug der Welt. (Sedgeway-Werbung auf der Hamburg Tourismus-Website)

Wie könnten wir widerstehen, für unsere weitere Station das trendigste Fahrzeug der Welt zu nutzen? Wir befinden uns in den Außenbezirken. Eigentlich ganz am Rand von Hamburg, präziser noch, auf dem Grenzstreifen des Stadtstaates zu seinen Nachbarländern. Wo verläuft die Grenze zwischen Hamburg und den Anrainer-Bundesländern eigentlich genau? Das hat sich Kolja Warnecke gefragt, als er mit seiner Kamera loszog. Die Grenze – kaum ein Begriff scheint derzeit ideologisch aufgeladener. Das, was wir als Errungenschaft angesehen und später als Selbstverständlichkeit genommen haben, gerät heute zunehmend ins Schwanken. So wird etwa das Schengener Abkommen, das die freie Bewegung ohne Grenzkontrollen in weiten Teilen Europas garantiert, zunehmend in Frage gestellt. Nun ja – eine Grenze zwischen Hamburg und seinen Nachbarbundesländern dient allerhöchstens der innerstaatlichen Gliederung, der Verwaltung. Eine Grenze, die das eine enden und das andere beginnen lässt. Durchlässig und unsichtbar.

Kolja Warnecke hat genau diese reale Bedeutungslosigkeit interessiert. Er bewegt sich – und wir rollen ihm als Grenzgänger auf unseren Segways hinterher- auf der Grenzlinie durch Industriegebiete und Brachlandschaften, unter Autobahnbrücken, vorbei an Wohnhäusern, da, wo Hamburg endet. Wir suchen in seinen Ansichten nach territorialen Markierungen, aber sie wollen sich uns einfach nicht zeigen. Kolja Warnecke führt uns damit auch an die Grenzen des Vorstellbaren.

Dies hier is HH, Hamburg City das ist der Name, 040, die rote Fahne, Tor zur Welt, keine Frage. (Sammy de Luxe, aus dem Album „Der letzte Tanz“)

Große Hafenrundfahrt, tönt es uns entgegen. Die hatten wir uns aufgehoben, aber natürlich verdient eine Hamburg-Tour nur ihren Namen, wenn sie auch auf und über die Elbe führt. Auf der anderen Uferseite wird es spannend, jedenfalls, dann, wenn wir diese Ecke mit Henrik Spohlers Augen betrachten dürfen. Wir bewegen uns auf Schauplätze zu, die nicht zugänglich sind, eine terra incognita, die Henrik mit staunenswerten Perspektiven auslotet. Für die Welt- und Handelsmetropole Hamburg hat der Hafen bei allen wirtschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte immer noch eine ganz besondere Bedeutung, hier pocht ein wirtschaftliches Herz der Hansestadt. Henrik begibt sich in die Herzkammer, die aus Werften, Raffinerien und Veredlungsbetrieben sowie riesigen Umschlagsplätzen für Waren besteht.

Mehr als 70 Prozent aller rund um den Globus transportierten Stückgüter sind heutzutage in Containern verpackt. Hier ist eine wichtige Schaltzentrale, die diesen weltweiten Warenstrom steuert. Ein schwer fassbarer Ort, eine Kunstlandschaft, aus der der Fotograf eine eigenartige poetische Schönheit destilliert und an der er gleichzeitig eine (Menschen-)Leere feststellt, die uns befremdet. Das Areal ist riesig, die Abläufe vollautomatisiert und auf extreme Effizienz getrimmt. Der Arbeitende ist in den Ansichten nicht anzutreffen. Hier befindet sich also das Tor zur Welt. Henrik Spohler erlaubt uns einen Blick durch dieses – die Perspektive dahinter ist so schön wie erschütternd.

For a great night out: head for Hamburg, not London. The German port city came top in a new survey of the world’s best cities for nightlife. (The Guardian, 1.12.2017)

Lang ist es geworden, müde sind wir, die dunkle Schwester des Tages übernimmt ab jetzt die Herrschaft über das Geschehen der Stadt. Während sich die meisten von Ihnen, meine Damen und Herren, dorthin verabschieden, wo das Leben tobt, und einfach noch weiterfeiern wollen auf der geilen Meile oder im angesagten Szene-Viertel, entscheide ich mich, weiter abseits der Vergnügungszonen zu flanieren. Weg von der Reeperbahn nachts um halb eins. Weg von den Hoheitsgebieten des Lichts, von dort, wo Neonlichter, riesige-LED-Anzeigen, die illuminierten Schriftzüge alle Ecken lichtdurchfluten. Hier abseits ist es dunkel und still und eine ganz eigene Welt tut sich auf. Die nachtartigen Szenen, die Andreas Hopfgarten uns präsentiert, entziehen sich jeder Logik des Tages. Sind das vielleicht Orte, an denen ich schon heute vorbeigekommen bin? Ich bin mir nicht sicher, kann mich aber kaum orientieren.

Dem Kontrollverlust im Dunklen steht die Möglichkeit der Entdeckung des Neuen entgegen. Andreas zeigt die Orte einer Stadt ganz ohne Licht, eine Architektur, die sich allein in Abstraktionen und Andeutungen zeigt. Eine Aura des Rätselhaften strömt aus den düsteren Erscheinungen großer Bauten entgegen. Die eigenwillige Wirklichkeit der Orte im Dunklen hebt Andreas durch seine Inszenierung noch einmal hervor. Er schärft den Blick für die Linie, die Form, die umfangreiche Palette der Dunkeltöne.

Was los, Digga, ahnma‘, Wie wir gucken, wie wir labern, Jeder sagt Digga heutzutage, Wir packen Hamburg wieder auf die Karte (Die Beginner, aus dem Album Advanced Chemistry)

Hier endet meine Reise. Ich setze mich auf eine Bank und lasse mich noch ein wenig vom Zauber der Szenen von Andreas Hopfgarten umfangen. Noch einmal lasse ich die Stationen des Tages vorbeifliegen, noch einmal durchdringe ich den Stadtraum, der zum Denkraum wird, noch einmal sinniere ich über die conditio urbana, noch einmal über den scheinbaren Reichtum städtischer Angebote. Die „elf Freunde“ haben sich die Stadt radikal anders angeeignet, als man erwarten könnte, sie bieten exquisite Sichtweisen und dem Betrachter ein inspirierendes Nachdenken über die Stadt. Ich empfinde ein wenig Glück, in welcher Weise Hamburg hier an dieser Stelle auf die Karte gepackt wurde, gerne würde ich noch ein bisschen erzählen, aber da fallen mir plötzlich die Augen zu.

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