Anne Morgenstern – Reinheit

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Nachtschwarzer Buchdeckel. Der Buchblock ebenfalls tiefschwarz gefärbt. Dagegen strahlen die Versalien des Covers so weiß, als hätten sie gerade einen Intensiv-Waschgang erlebt. REINHEIT. Wäscht nicht nur sauber, sondern rein, schießt mir ein uralter Claim durch den Kopf. Aber hier geht es nicht um Werbebotschaften für saubere Wäsche. Reinheit soll das sinnstiftende Moment in dem neuen Buch von Anne Morgenstern darstellen. Im textlichen Auftakt heißt es: „Sie spürt die fragilen Momente auf, in denen die Sehnsucht nach Authentizität und Reinheit durchkreuzt wird von der Gewöhnlichkeit des Alltags.“

Ach, das Gewöhnliche macht alle Reinheit zunichte. Manch einer verzweifelt im Streben danach. Reinheit beschreibt nicht nur die Abwesenheit von Schmutz, sondern auch das Ideal eines moralischen Handelns. Oder umgekehrt: Sittliches Fehlverhalten zieht oft fest geschriebene Rituale nach sich, verlangt Opfer, Buße oder Beichte, um Reinheit zurückzuerlangen. Dass es in diesem Buch auch um Katholizismus und dessen Einfluss im Alltag geht, ist offensichtlich. Einmal sieht man ein riesiges Holzkreuz, das zur Seite gekippt in einem Flur abgestellt ist. An anderer Stelle vermutet man ein Altarkreuz unter einem Tuch. Die verrätselte Szene beschreibt einen Brauch der Verhüllung, der vor Ostern stattfindet. Das Katholische kommt nicht zuletzt in der so schönen wie verstörenden Erzählung von Jonas Lüscher vor, die exakt jenen Ton anschlägt, der auch aus den Fotos hallt.


Wie das Vorgängerbuch „Land ohne Mitte“, das eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Orten ihrer Kindheit im Osten darstellt, ist „Reinheit“ eine Heimat- und Sinnsuche. Dieses Mal ist es der Freistaat Bayern, wo Anne Morgenstern lange gelebt hat und der ihr merkwürdig fremd blieb. „Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu Bayern (…)ich habe es umarmt, aber es hat mich nicht umarmen lassen“, hat sie einmal bemerkt.

„Reinheit“ ist kein Blick zurück im Zorn, aber einer, der unsentimental und kritisch zugleich ist. Uns werden Landschaften, Orte, Feste, Bräuche, Rituale und immer wieder Individuen und Gemeinschaften präsentiert. Besonders an den wunderbaren Porträts lässt sich viel über die Verfasstheit einer Gesellschaft ablesen. Stolz präsentieren sich die einen, verwundbar scheinen die anderen. Die eine betätigt ihr Smartphone, der andere hält sich an einem Coffee to Go fest. Die eine zeigt ihre Tracht, der andere präsentiert sein Fußballtrikot.

Es gibt zahlreiche Szenen, in denen wir mit Traditionen und modernem Leben, Brauchtum und Zukunftsvision, Bewahrung und Fortschritt konfrontiert werden. Dies ist eine Folie, auf der die Fotografin eigene Erfahrungen und Geschichten einschreibt und ganz am Ende mag es sich bei der Arbeit auch um einen Akt der Selbstbefreiung und –findung handeln. Die Bilder sperren sich, Bedeutungen freizugeben und wirken ähnlich hermetisch wie die hinter riesigen Hecken verborgen Einfamilienhäuser. Das gereicht dem Buch nicht zum Nachteil. Das Uneindeutige nimmt der Betrachter als kostbare Herausforderung an. Im Zusammenstoß der einzelnen Szenen entsteht ein Funkenschlag ungemeiner Intensität.

Das Buch bietet in der Gestaltung überraschende Eigenheiten. Dreht man es von vorn nach hinten, präsentiert die Rückseite das identische Cover. So gibt es also zwei Eingänge, durch die man ins Innere gelangt. Die Geschichte wird zweimal erzählt? Zwei unterschiedliche Geschichten werden erzählt? Es ist kein Zufall, dass beide Anfangsfotos ein Buschwerk zeigen, hinter der eine Straße angedeutet ist. Man kann sie nach rechts gehen oder links. Das entscheide jeder für sich.

„Reinheit“ erzählt vom Archaischen und Hochtechnisiertem, vom Typischen und Absonderlichen, von Symbolik und Besonderheit – von Passionsspielen, Bräuchen der Katholischen Kirche, von Klöstern, der Produktion bei BMW und der Fußballkultur des FC Bayern. Das Identitätsstiftende wird gezeigt, in das immer stärker das Unbekannte und Fremde eingreift. Einmal sieht man einen überfüllten Bahnhof. Partyvolk auf dem Weg nach Hause. Ein anderes Mal zieht in der Ferne eine Gruppe von Flüchtlingen entlang. Schutzsuchende auf dem Weg in ein neues Zuhause. Anne Morgenstern zeichnet das Bild einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Umso lauter skandieren einige darin „Mia san Mia“, je spürbarer die Veränderungen werden. Wohin führen das Streben nach Reinheit, nach Ordnung und die Sehnsucht nach vermeintlicher Authentizität? Anne Morgenstern exzellentes Buch gibt Antworten dazu. Es geht der Fotografin um Beschreibungen und das Durchdringen von Orten und Menschen, von Kultur und Traditionen, keineswegs um Abrechnungen. Man könnte auch sagen: Sie will keine dreckige Wäsche waschen. Apropos waschen – Reinheit scheint nur noch eine in die Jahre gekommene Werbekategorie für Waschmittel. (Erschienen in Photonews 4/18)

Anne Morgenstern. Reinheit. Fountain Books. Berlin 2017. ISBN 978-3-00-058149-6. 160 S. mit zahlr. Farbtaf.  € 40,- 

siehe auch: www.annemorgenstern.com

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