Sanne de Wilde – The Island of the Colorblind

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Mit Daumen und Zeigefinger hält der Junge eine Kugel dicht vors Gesicht. Ein Glasauge, das er seiner Augenhöhle entnommen hat. Der Schock weicht der Erleichterung – das Auge entpuppt sich als Glasmurmel, durch die hindurch er das Geschehen um sich herum betrachtet.

Die Szene eröffnet das fulminante Fotobuch der Belgierin Sanne De Wilde, das selbst wie der Blick durch eine Glasmurmel hindurch funktioniert. Was sich dahinter abspielt, ist rätselhaft und faszinierend zugleich. Alle Sehgewohnheiten werden ausgehebelt, die Wahrnehmung spielt verrückt und Farben scheinen völlig verrutscht. So ist der Himmel rot, das Blattwerk rosa und das Wasser leuchtet in halluzinativem Grün. Aus der Tiefe von Schwarzweißszenen ploppen farbige Dinge auf. Texte, die die Bildstrecken begleiten, flirren mit ihrer bunten Typo vor den Augen. Porträtierte Personen verbergen ihr Antlitz hinter Gegenständen. An anderer Stelle blicken uns die Fotografierten unvermittelt an und man vermag nicht zu sagen, ob die Augen offen oder geschlossen sind. Als ein Sonnenstrahl übers Buch huscht, verändert sich plötzlich die Farbe des Covers. Was eigentlich geht hier gerade vor sich?

Pingelap heißt die geheimnisvolle Welt, die im Buch präsentiert wird. Ein Inselatoll im Pazifischen Ozean, das eine Fläche von knapp zwei Quadratkilometern umfasst. 1775 suchte ein Taifun das Eiland heim, bei dem von 1000 Bewohnern nur 20 Menschen überlebten. Ausgerechnet der gerettete König soll Träger des Achromatopsie-Gens gewesen sein, das Farbblindheit verursacht. So beschreibt es der Neurologe Oliver Sacks im Buch „Die Insel der Farbblinden“. 1994 reiste er nach Pingelap und studierte, inwieweit jene neurologische Anomalie Wahrnehmung, Bewusstsein und Weltsicht der Menschen bestimmt. Mit den Generationen verbreitete sich die Erbkrankheit. Heute nimmt ein Drittel der Bewohner das Geschehen um sich herum nur schwarzweiß wahr. Hinzu kommt eine starke Sehschwäche, Augenzittern und Lichtempfindlichkeit. Sacks schildert die Begegnung mit den Farbenblinden, deren Wahrnehmung nicht durch Farbe, so durch andere optische Anhaltspunkte wie Struktur, Umrisse, Oberfläche und Begrenzung geleitet ist.

Es ist nicht das lesenswerte Buch, durch das Sanne de Wilde von der Insel erfährt. In einer Radiosendung berichtet sie über ihre Arbeit und erwähnt ein Interesse für genetische Anomalien, die an bestimmten Orten auftreten. Daraufhin meldet sich ein Hörer, der von der Farbblindheit selbst betroffen ist und weist sie auf Pingelap hin. Die Fotografin ist elektrisiert und recherchiert ausgiebig. Im November 2015 landet sie auf der Insel.

Die von dort mitgebrachten Fotos erzählen vom Eintauchen in eine Gemeinschaft, die nach eigenen Gesetzen funktioniert. Sie erzählen von scheinbar unberührten Landschaften, faszinierender Vegetation und vom Wasser der Lagunen. Aber die Erzählweise ist eine, bei der die Fotografin versucht, das Geschehen nicht nur so zu zeigen, wie es sich ihr selbst darstellt, sondern auch die Perspektive der Inselbewohner einzunehmen. Farbige Aufnahmen, die sie in Schwarzweiß transformiert, finden sich neben Szenen, die sie mit Infrarotfiltern erstellt hat. Daraus ergibt sich eine seltsame Poesie. In den Landschaften werden deren Besonderheiten erst durch die pastellenen Farben betont. Immer wieder hinterfragt die Fotografin die eigene Farbwahrnehmung, wenn sie ähnliche Szenen in immer neue Farben taucht. Ihre emphatischen Porträts zeigen die Gesichter absichtsvoll hinter schützenden Gegenständen und verdeutlichen, wie die Menschen bedacht sind, das schmerzende Tageslicht zu meiden. Nur einmal nimmt De Wilde die ungeschützten Gesichter in langen Belichtungen auf. Die Betroffenen müssen blinzeln. So erklärt sich, dass die Augen in den Porträts offen und geschlossen zugleich erscheinen.

Die Fotografin entwickelt immer wieder neue, aufregende Ansätze. Nach ihrer Rückkehr gibt sie Workshops für Farbenblinde und lässt diese ihre Schwarzweißfotos aus Pingelap kolorieren. Ein Papagei erhält ein leuchtendes Federkleid, eine grellfarbene Pflanze wuchert aus dem Dickicht des schwarzweißen Urwalds. Sanne de Wilde öffnet uns den Blick auf eine geheimnisvolle Welt, in der die Bewohner ihre ganz eigene visuelle Wahrnehmung entwickelt haben und nichts vermissen, was sie nicht kennen. Ein Blick wie durch eine Glasmurmel auf ein fremdes Geschehen, das sofort unser Herz ergreift. Ein letztes Rätsel löst sich nach der Lektüre auf. Das Cover ist UV-sensitiv und ändert die Farbe bei Sonneneinstrahlung. (Erschienen in Mare No. 126, Februar/März 2018)

Sanne de Wilde. The Island of the Colorblind. Kehrer Verlag. ISBN 978-3-86828-826-1. 160 S. mit 85 Farb- und SW-Abb., Pb., € 49,90

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