Stefan Bladh – Hidden Kingdom

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Wir können den Blick von Menschen und Dingen nicht wenden und werden in die Tiefe dieses Buchs gezogen. Wir lassen uns zugleich faszinieren und beunruhigen von einer düsteren Rätselhaftigkeit, die sich in jeder neuen Einstellung fortsetzt. Stille umhüllt uns beim Betrachten. So sind wir zurückgeworfen auf uns, und aus Ahnungen werden Gewissheiten, dass sich weit mehr hinter dem Vorgefundenem verbergen muss.

Es beginnt schon beim Titelbild: eine düstere Waldlichtung ist zu sehen, durch die sich ein Netz spannt und die Welt in zwei Teile trennt. Wir, die wir auf der einen Seite stehen, sind getrieben von der Frage, was sich jenseits des Netzes befinden möge. Das Unerreichbare löst Sehnsüchte aus und wir stellen uns eine Gegenwelt vor, einen Ort der Erkenntnis oder der Erlösung. Fieberhaft suchen wir den Eingang durch dieses Netz, und sind uns der Vergeblichkeit dieser Bemühung bewusst. Das nährt nur umso mehr das Begehren, auf die andere Seite zu gelangen, dorthin, wo sich ein verborgenes Königreich befindet.

„Hidden Kingdom“ heißt das Buch des Schweden Stefan Bladh und umfasst Bilder von Reisen nach Moldavien, Albanien, Serbien und anderen Ländern über einem Zeitraum von zehn Jahren. 2006 lebt Bladh in Istanbul, als er sich zu einem Trip nach Odessa entschließt. Neuland im doppelten Sinn, denn in der unbekannten Fremde will er fotografisch Neues ausprobieren. Erstmals arbeitet er in Farbe und vermeidet, sich in seinem fotografischen Tun zu sehr von inhaltlichen Fragestellungen leiten zu lassen. Er will den Blick schweifen lassen, dem Übersehbaren nachspüren, das Geheimnisvolle aufzeigen, eine Atmosphäre schaffen und Gemütszustände simulieren. Die Szenen, die er für dieses Buch wählt, folgen konsequent jenen Vorgaben und sind von großer ästhetischer Ausdruckskraft bestimmt. Jedes Bild steht solitär und lässt sich doch in eine größere Erzählung einfügen. Nie gibt es Hinweise, wo sich die Dinge abspielen, wer abgebildet ist und was die eigentliche Situation ist. Aber genau das fordert den Betrachter heraus und hält ihn bei der Stange.

Ein Schiffswrack rostet in einem Fluss vor sich hin. Eine Krähe stolziert an einem Betonpfeiler vorüber. Ein Mann windet sich auf dem Boden. Das sind nur die ersten drei Szenen, die scheinbar keiner bestimmten Handlungslogik folgen. Was geht da vor sich, fragt der Betrachter und wird, je weiter er im Buch vordringt, eine Idee erhalten. Es sind vor allem Fragen nach den menschlichen Bedingungen, die den Fotografen umtreiben. Wer bin ich und warum bin ich hier? Was ist der Unterschied zwischen äußerer Welt und innerer Wahrnehmung? Was bedeuten Zeit, Vergänglichkeit und Erinnerung? Immer geht es um Bilder von elementarer Aussagekraft, die einen erlebten Moment des Fotografen in eine phantastische Gegenwelt überführen.

Das Design ist klug zurückhaltend, nie wird ein Bild direkt neben ein anderes gestellt, die Textbeigabe besteht aus gerade mal fünf Sätzen. Stefan Bladh verlässt sich auf die Kraft seiner Bilder, die jede fröhliche Farbigkeit meiden, stattdessen eine dunkle Grundierung in sich tragen. Das entspricht einer Gestimmheit der Figuren, die uns hier den Rücken zuwenden, die Augen ganz schließen oder entrückt ihrem Tageswerk nachgehen.

Stefan Bladhs Bilder haben eine Wirkkraft, die einem sonst höchstens im Dunkel des Kinos begegnet. Und tatsächlich fühlt sich der Fotograf vom Film beeinflusst und verehrt den schwedischen Regisseur Roy Andersson für dessen komplexe Filmsprache. Wichtiger noch ist ihm das Kino von Theo Angelopoulos, das hypnotische Bilder erzeugt, in denen der Zuschauer sich verlieren kann. Bei dem Griechen werden Straßen zu Orten des Jenseits, während die Menschen, die darauf wandeln, Traumgestalten sind. Jede Landschaft ist dort eine Seelenlandschaft. „Ich erwarte nicht von Dir, dass Du das versteht, was ich mit meinen Filmen meine. Ich erwarte von Dir, dass Du das verstehst, was Deine Seele in diesen Filmen erkennt“, war einst das Credo des Regisseurs. Das könnte auch Bladh für seine Fotos geltend machen. Welche Erkenntnis also ziehen unsere Seelen aus den Fotos?

Das letzte Bild birgt wiederum eine Trennwand in sich. Eine Scheibe gibt den Blick auf einen Ort frei, in dem etwas entfernt eine Gestalt steht. Spät erst merkt man, dass die Scheibe ein Spiegel ist, der einen mysteriös-anziehenden Ort vorführt. Daneben ist eine geöffnete Tür, die zum Eintreten einlädt. Geht der Betrachter hindurch, tritt er in ein Königreich!

Erschienen in Photonews 3/18

Stefan Bladh. Hidden Kingdom. Kerber Verlag. ISBN 978-3-7356-0395-1. 80 S. mit 38 farb. Fototaf., Hc. 45,00

Siehe auch: www.stefanbladh.com

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