Axel Martens – Elefanten in der Manteltasche

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Der Wagen steht am Straßenrand. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, schlendere ich daran vorbei. Das allerdings lässt sich das PS-starke Gefährt nicht so einfach gefallen. Ein lautes Hupen ertönt und erschrocken drehe ich mich um. Ich muss die Hand vor das Gesicht halten, weil mich die tief stehende Sonne blendet. Und so erkenne ich nicht, wer da am Steuer sitzt. Ein erneutes langes Hupen, das in den Ohren dröhnt. Dazu Aufblendlicht. Die Tür geht auf. Na warte – ob so viel Aufdringlichkeit trete ich ans Auto, um meinem Ärger Luft zu machen. Aber niemand sitzt darin. Als die Hupe ein drittes Mal ertönt, hört es sich wie eine Aufforderung an, mich endlich zu setzen. Ich zögere. Echt jetzt? Ach was soll’s – steig ich also ein, zünde den Motor und …

„Bild Bilder Bilderer“ heißt dieser Trip von Axel Martens, und noch etwas schüchtern drücke ich auf das Gaspedal. Der Wagen macht einen Satz nach vorn. Gleich mal bin ich geneigt, das Motto dieses Ausflugs abzuändern und alle B’s durch ein W zu ersetzen. Denn wild wird diese kleine visuelle Reise, das ist mir von Anfang an klar. Ich kenne nicht mein Ziel, aber tatsächlich mag ich es, mich einfach treiben zu lassen Mit Tempo rollt der Wagen die holperige Straße entlang, die Landschaft fliegt an mir vorbei, irgendwo leuchtet ein roter Käfer am Wegesrand.

Ich drücke auf die Bremse, als plötzlich ein Ampellicht auf Rot umschlägt. Ein distinguierter Herr, der einen Bowler trägt, schwingt ein Bein hoch, um dann in höchst merkwürdigen Gehbewegungen über die Straße zu gehen. Ich traue meinen Augen nicht. Ist das nicht jener Herr, kaum gealtert, der einst im Ministerium für komisches Gehen tätig war und mich als Kind dazu brachte, von einen derartigem Lachanfall auf der heimischen Couch heimgesucht zu werden, so dass sich meine Eltern schließlich sorgenvolle Blicke zuwarfen.

Während ich dem komisch über die Straße eiernden Herrn nachschaue und mich dabei köstlich amüsiere, denke ich gleichzeitig: Das muss einem auch erst mal gelingen. Den älteren John Cleese dazu zu überreden, noch einmal in seine Monty Python-Rolle zurückzukehren und den seltsamen Gang zu imitieren. Als mir vor einiger Zeit das Magazin aus der Süddeutschen rutschte, und ich genau dieses Porträt von Cleese auf dem Titel sah, war der Tag wirklich gerettet. Axel Martens Bilder mag ich sehr. Denn von welchen Bildern kann ich schon behaupten, dass sie mir den Tag retten können! „Bild Bilder Bilderer“  ist ein kleines,  famos gemachtes Büchlein, das dessen verschiedene Arbeiten der letzten Zeit versammelt. Es sind nicht so besonders viele Bilder, aber genau das ist es, was mir daran gefällt. Die Beschränkung, die kleine Form, die sorgfältige Aufbereitung, das feine Editing, der gute Druck. Hier sitzt einfach alles und in dem Büchlein steckt einfach so viel mehr als in manch dicker Schwarte. Ich stecke es also auch gerne mal in die Manteltasche und wenn ich jemanden gerne mag, ziehe ich es vielleicht hervor und versuche ihn damit zu erheitern. Wo wir schon beim Erheitern sind. Nicht zuletzt muss ich natürlich auch die hintersinnigen Kommentare erwähnen, die Gereon Klug dazu beisteuert. Der ist Autor, Redakteur, Begründer von „Hanseplatte“, Tourmanager von Rocko Schamoni und Studio Braun und, und, und. Axel Martens Fotos und Gereon Klugs Texte– hier bewegen sich zwei auf Augenhöhe und als Leser dieses Buches ist man davon hingerissen, welchen Einklang diese am Ende bilden.

Ein Hupen hinter mir scheucht mich unsanft aus meinem Hingerissensein auf. Weiter gehts. Was ist noch besser als durch die Abendsonne zu fahren und idyllische Landschaften an sich vorüberziehen zu lassen? Durch die Abendsonne zu fahren, idyllische Landschaften an sich vorüberziehen zu lassen und die teuer aussehenden Boxen der Musikanlage mal richtig auszutesten. Auf meiner Fahrt wird mir später Sven Regener begegnen, sein Gesichtsausdruck ein wenig brummig, aber die Augen überaus wach, vielleicht ersinnt er gerade ein neues Stück für seine Band oder entwickelt eine Idee für ein neues Buch. Und könnte ich es mir wünschen, würde ich mich im Auto für ein Element of Crime Stück entscheiden, den Bass hochziehen und aus den Boxen ertönt dann die heisere Stimme, die ich mit meinem Gesang textsicher begleiten würde: Im Lotto spielst du immer nur die Zahlen zwischen fünf und zehn/und als Zusatzzahl dein Lebensalter/denn als Lottospieler, sagst du, darf man höchstens 49 Jahre alt sein/ später wär‘ es schade um das Geld/ Wo deine Füße stehen/ist der Mittelpunkt der Welt.

Mein Glück habe ich noch nie herausgefordert im Spiel und mein Alter übersteigt sowieso die Zusatzzahl. Das blöde Geld ist mir ziemlich egal, aber das Fahren euphorisiert mich  und für einen Augenblick denke ich, das, genau das hier, fühlt sich so an, als befinde ich mich gerade am Mittelpunkt der Welt.

Dieses Buch müsste so funktionieren, dass, wenn man die Seiten aufschlägt und einem Musikerporträt begegnet, die entsprechende Musik dazu hochploppt. Vielleicht ist es ein bisschen auch so. Irgendwie hat man immer schon die Musik dazu im Kopf, wenn man die erfinderischen Porträts von Axel Martens betrachtet. Ich erblasse, dass der Fotograf einen Helden wie Thurston Moore, Inbegriff der Coolness, für ein Porträt vor die Kamera bekommt. Noch mehr überrascht mich, dass er den großartigen Sonic Youth Gitarristen ausgerechnet zu einem pantomimischen Saxophonspiel überreden kann. Die Augen geschlossen, scheint es, als sei der tief in sein Spiel versenkt. Man würde gerne Mäuschen spielen, wenn Axel Martens sein Gegenüber zu einer Geste, einer Aktion überredet, von der dieser wohl selbst nie gedacht hätte, dass er sie machen würde. Thurston Moore, Arctic Monkeys oder Helge Schneider so nah zu kommen, sie zu einem Unfug zu überreden – ach, Fotograf müsste man sein. Aber eigentlich muss man gar kein Fotograf sein, wenn man Martens Arbeiten betrachtet. Denn dem Porträtierten darf man auch als Betrachter der Bilder noch extrem nah sein.

Ich fahre viele Kilometer, durch das offene Seitenfenster weht der Fahrtwind. Da vorne ist eine enge Durchfahrt, bei der ich gezwungen bin, schließlich im Schritttempo zu rollen. Plötzlich ein Blitzlicht. Jemand steht am Wegesrand und macht ein Foto von mir. Als ich schon viel weiter bin, fällt mir ein, dass ich dessen Gesicht doch irgendwie kenne. Ist das nicht der…? Na klar, das ist doch der Anton Corbijn. Mir ist schleierhaft, warum der ausgerechnet vorbeifahrende Autofahrer ablichtet. Soll ich umkehren und fragen? Aber ich steuere das unbekannte Auto einfach weiter und schaue aus dem Fenster. So mysteriös wie Anton Corbijns Fotografieren bleibt mir vieles, was mir auf meinem  weiteren Trip begegnen wird. Ein Lars Eidinger, über dessen Wange eine dicke Träne kullert und ich möchte ihm eigentlich sagen „he, alles nicht so schlimm“, aber bei seinem Anblick kriege ich nur einen dicken Kloß im Hals. Eine Gans, die sich demonstrativ von mir abwendet. In einem nächsten Moment schwebt eine Feder, die sich aus ihrem weißen Gewand gelöst hat, durch die Luft und setzt sich auf den Kragen eines erstaunten jungen Mannes, der sich schließlich als Orlando Bloom entpuppt. Einmal begegne ich auf meinem Trip Eisbären. Und da frage ich mich nervös, wie lange ich wohl schon unterwegs bin und ob ich das alles nicht nur halluziniere. Aber im gleichen Augenblick  steht schon ein entspannter Salman Rushdie vor mir, der seine Arme ausbreitet. Ich möchte dessen Umarmung erwidern und ihm danken für all die großen Lesemomente, die er mir bereitet hat.

Hinter einer langgezogenen Kurve, mitten im Nichts, parkt ein Anhänger, der meine Neugierde erweckt. In großen roten Lettern prangt darauf die Aufschrift ELEFANTEN. Ich drücke auf die Bremse, gerate ein wenig ins Schleudern, bevor ich schließlich zum Stehen komme. Mein Klopfen an die Tür verhallt im Nichts. Ich öffne die große Tür, aber einen Elefanten finde ich nicht darin.

Sie denken womöglich, welche ein Unsinn ist das hier eigentlich, der mir als Beschreibung für ein Buch aufgetischt wird. Das geht Ihnen jetzt aber echt viel zu weit. Etwas beleidigt werde ich ihnen dazu nur entgegen: Schauen Sie sich das Büchlein an. Dann werden Sie schon merken, wie Sie Ihre ganz eigene Geschichte ersinnen. Die Bilder von Axel Martens erzählen in amüsanter Weise über das, was in ihnen zu sehen ist. Aber gleichzeitig füttern sie unsere Phantasie. Und dann bedeutet diese kleine Broschur doch mehr als seine Einzelbilder. Nur zu gerne setzt man die Arbeiten in Bezug und entspinnt kleine Geschichten und Zusammenhänge daraus. Ich glaube, ich habe dieses Buch schon unzählige Male angeschaut. Und ich kann nicht anders, jedes Mal will meiner Phantasie eine neue Geschichte entweichen.

Ich hab also lange gesucht, bin über Wiesen und Felder gelaufen. Einen Elefanten konnte ich nirgends entdecken. Irgendwann rief mich das Hupen des Wagens zurück, es dämmerte schon und ich beschloss, den Wagen dorthin zurückzufahren, wo ich ihm erstmals begegnet war. Vielleicht sind Sie es ja, der morgen zu einer Spritztour eingeladen wird.  Steigen Sie bitte unbedingt ein! An diesem Abend kam ich spät nach Hause zurück und wurde mit der Frage begrüßt, wo ich denn jetzt herkomme. Und ich antwortete leise: Vom Mittelpunkt der Welt.

Axel Martens: Bild Bilder Bilderer. Hamburg, 2017. 36 S. mit farb. Fototaf. Pb. Limitierte, nummerierte  und signierte Ausgabe. 15,00 Euro. Das Buch ist beim Fotografen direkt zu beziehen: post@axelmartens.de

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