Harry Gruyaert – It’s not about cars

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Als ich das schöne Büchlein mit Fotos von Harry Gruyaert auspacke und sein Cover länger betrachte, kommt mir kurz Rene Magrittes Bild in den Sinn, auf dem eine Pfeife abgebildet ist. Darunter die Behauptung: „Ceci n’est pas une pipe“. Ein Paradoxon, das den Betrachter zur Reflexion über den Unterschied eines Objekts und dessen Abbildung, mag sie auch noch so realistisch wirken, herausfordert. Auf dem vor mir liegendem Buch ist eine amerikanische Limousine zu sehen, halb verdeckt von Flieder- und Rosensträuchern. Dazu der Titel: It’s not about cars. Wie in dem Bild des belgischen Surrealisten gibt es ein Paradoxon zwischen Bild- und Titelaussage. In dem Buch sind ausschließlich Fotos, in denen Autos zu sehen sind, zentral im Bild oder als an den Rand gedrängte Elemente.  Mal den Bildinhalt bestimmend, mal als reines Beiwerk menschlicher Handlungen. Was auffällt: Eine faszinierende Gleichwertigkeit der Dinge und Menschen wird hier behauptet. Bestellt habe ich das Buch bei der Galerie Fifty One in Antwerpen, das diese zu ihrer gleichnamige Ausstellung herausgebracht hat.

Zu einem Zeitpunkt, als vielen die Farbfotografie noch als suspekt gilt und ihre Berechtigung nur im angewandten Bereich findet, hat Harry Gruyaert sich lange für diese entschieden. Meine erste Begegnung mit Arbeiten des Magnum-Fotografen geht auf ein Buch bei Schirmer/Mosel zurück, das seine Marokko-Bilder präsentierte. Erschienen war es Anfang der 90er Jahre  und machte eigentlich wenig Eindruck auf mich. Die Gleichgültigkeit gegenüber Gruyaert sollte sich schlagartig ändern, als ich seinen Farbfotos 2012 in einer großen Ausstellung in Brüssel wieder begegnete und völlig geplättet war. Nämlich von der Erkenntnis, wie klug hier jemand mit farblichen Elementen arbeitet, um Inhalte zu strukturieren und Intensität zu erzeugen. In der Ausstellung waren viele Szenen aus seinem Heimatland präsentiert.

Das erzählerische Momentum einer Situation interessiert den Fotografen wenig. Stattdessen verwandelt sich das vorgeblich Banale des  Vorgefundenen in furiose Bildkompositionen, die von Farbe, Licht, Kontrast, Form und Bewegung bestimmt sind. Ich konnte mich nicht satt sehen an seinen Szenen. Ein Fotograf, den ich völlig unterschätzt hatte, zumal mich Farbfotografie bis dahin fast ausschließlich dann interessierte, wenn ihre Urheber aus den USA stammten.

Ein entscheidender Einfluss für Gruyaert war ein US-Trip 1968, bei dem der Belgier die Pop Art für sich entdeckte. Deren Akteure hatten Motive der Alltagskultur in den Fokus ihrer künstlerischen Auseinandersetzung genommen. Gruyaert fühlte sich ermutigt, aus der Banalität bestimmter Gegenstände eine ganz eigene Schönheit zu ziehen. So werden Autos ein wiederkehrendes Motiv bei ihm. Ihre leuchtenden Farben, ihre geschwungenen Karosserien – bei dem Fotografen können diese eine große Wirkkraft entwickeln.

Für mich drängen sich beim Betrachten seiner Bilder verschiedene Einflüsse  aus Malerei und zum Kino auf. So wird man sich als Betrachter an die ganz spezielle Stimmung erinnert, die einen beim Betrachten eines Edward Hopper Werkes befällt. Gleichzeitig findet die Nachahmung eines filmischen Blicks statt. Das wird vor allem in Einstellung und Kadrage deutlich, die Gruyaert für seine komplexen Raumpräsentationen bestimmt. Die auf dem Titelbild des Buches dargestellte Situation würde sich wunderbar als Anfangszene eines Films des amerikanischen Independent-Kinos machen.

Gruyaert hat für das Buch Arbeiten aus den USA, Tokio und Belgien ausgesucht, die von den frühen achtziger Jahren bis in die Gegenwart reichen. Trotz des langen Zeitraums fallen die Fotos nie auseinander, sondern bilden eine extrem kohärente Serie. Auch wenn das Erzählerische dem Kompositorischen oft hinten angestellt ist, geht es mir mit den meisten Arbeiten doch so, dass diese meine Vorstellungskraft extrem befeuern.  Sie haben einen Suchtfaktor. Am liebsten würde man in eines dieser Autos springen und direkt die Ausstellung in Antwerpen ansteuern.

Harry Gruyaert. It’s not about cars. Gallery Fifty One, 2017.  88 S. mit 80 Farbfotos, 14,8 x 21 cm. ISBN 9789081772556 (Ausstellung bis 8. April 2017)

www. Gallery51.com

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