Ingar Krauss – 39 Bilder

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Am Anfang ist ein geheimnisumwittertes Schwarz. Eines, das uns weniger einschüchtert als erwartungsfroh macht. Das Buchintro ist wie die Dunkelheit, die den Bühnenraum einhüllt. Als Zuschauer drücken wir uns in den Sitz und fiebern einem Geschehen entgegen, das gleich vor uns ausgebreitet wird. Und tatsächlich – langsam schält sich aus dem Dunkel ein szenischer Raum. Doch der Beleuchtungsmeister geizt mit dem Licht. Aber wir erkennen: Der Raum ist völlig leer. Und aus ihm dringt eine Stille, eine, die uns umfängt und uns auf uns zurückwirft. Während wir diese mit eigenen Gedanken und Bildern füllen, schaltet sich plötzlich der Scheinwerfer ein und wir befinden uns im ersten Akt namens „Winter“. Nacheinander treten auf: eine weltabgewandte Apfelhälfte, eine majestätische Zuckerrübe, abgekämpfte Wildenten, ein kecker Rotkohl, eine scherzende Truppe von Trompetenbaumkapseln, ein scheuer Eissturmvogel, eine herumhängende Lauch-Schar, hochmütige Robinienzweige. Zweiter Akt: Frühling. Ein Kommen und Gehen auf der Bühne. Kastanienknospen führen ihren Tanz vor. Ein Hecht versinkt im Erdboden. Eine Tulpe verbeugt sich tief.

Der Vorhang fällt. Wir blicken in das Programmheft. Der Regisseur ist uns natürlich bekannt: Ingar Krauss, der von uns Verehrte, der uns vor Jahren mit melancholischen Bildnissen von Jugendlichen und Kindern in Begeisterung versetzt hat. Der uns mit seinen „Wanderarbeitern“ berührende Porträts osteuropäischer Saisonarbeiter geboten hat. Und hier? Für das Buch mit dem bescheidenen Titel „39 Bilder“, das im vielversprechenden Programm des neuen Verlags Hartmann Projects erscheint, hat er Gemüse, Früchte, Getreide, Blumen und Tiere aus ihrer natürlichen Umgebung isoliert und in bühnenartigen Kästen unterschiedlicher Größe angeordnet. Diese Arrangements hat er mit natürlichem Licht fotografiert, auf Silbergelatinepapier vergrößert und anschließend mit einer Lasur aus Ölfarbe bearbeitet. Im Ergebnis ergeben diese Stillleben eine sehr eigene Anmutung.

 

 

Schwer würde mir die Antwort fallen, würde mich jemand direkt in dieser Pause zwischen den Akten fragen, wie ich es finde. Denn ein wenig bleibt mir die Spucke weg ob der Effekte der vorgeführten Stillleben. Mir kommt Cezanne in den Sinn, der einst gesagt haben soll: „Mit einem Apfel will ich Paris in Erstaunen versetzen.“ Vertrautes so elegant zu interpretieren – das versetzt den Anwesenden allerdings in Erstaunen. Alle Überfrachtung, jede Requisite ist absichtsvoll vom Fotografen weggelassen. Allein die Präsenz der Akteure erfüllt die Bühne und sorgt für Überwältigung. Wie lange hat Ingar Krauss wohl experimentiert, bis jede einzelne Szene saß? Licht, Aufbau, Symmetrie, Farbe, Hintergrund. Das ist von ihm zur Perfektion getrieben und sieht im Ergebnis doch so spielerisch leicht aus. Und man würde ihn zu gerne fragen, welche Quellen er dazu im Vorfeld studiert hat? In den Bildinhalten scheint sich komplexes Wissen zu sedimentieren. Die kopfüber hängenden Vögel eines Frans Cuyck van Meyerops, die in Steinnischen präsentierten Naturprodukte eines Juan Sánchez Cotán – die Bilder von Ingar Krauss sind so voller Zitate und Andeutungen. Auch das macht das Vergnügen dieser Arbeit aus – sie ist extrem anspielungsreich und fordert den Betrachter heraus, Bezüge zu Stilllebenmalerei des Barock, zu Stillleben aus den Anfängen der Fotografie bis hin zu aufwändigen Inszenierungen zeitgenössischer Stillife-Fotografen herzustellen.

Während ich gerade versuche, die Arbeit zu durchdringen und mir eine Antwort zurechtzulegen, öffnet sich der Vorhang und neue Akteure treten aus der Tiefe der Bühne hervor. Sehr unterschiedliche Charaktere werden in den nachfolgenden beiden Akten agieren. Anmutig posiert eine Zucchini, zwei Gersten marschieren im Gleichschritt über die Bühne, Sardine und Zwiebelblüte gehen eine unmögliche Liaison ein, Sonnenhüte lehnen lässig an der Wand. Gurken treten als verschworene Gemeinschaft auf. Eine weiße Taube steht Kopf. So aufregend geht es immer weiter.

 

 

Es gibt ein Theaterstück von Peter Handke. Darin wird nie gesprochen, es fehlt Dialog und Handlung. Und doch ist es ein Stück, bei dem verschiedene Akteure auftreten und der Zuschauer sich seine eigene Geschichte ersinnen mag oder auch nicht, ganz wie er will. In derselben Weise funktionieren die Bilder von Krauss. Sie bilden ein stummes Theater, eines der absoluten Stille So lange das Stück andauert, möchte ich mich den Eindrücken ergeben und will gar keine Interpretation parat haben. Lieber erst einmal satt sehen an den Szenen. Ein bisschen möchte ich es da halten wie derjenige auf dem Buchrücken, der mir mit seinem Blick bedeutet: Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts. Das ist gerade ein wunderbares Gefühl. (Der Text erschien in Photonews, 10/ 2016)

Ingar Krauss. 39 Bilder. ISBN 978-3-96070-003-6. Hartmann Projects. Stuttgart, 2016.  96 S. mit 39 farb. Fototaf. Geb. 38,00 €

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